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Wie handelt Gott in der Welt?

Die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse haben im 20. Jahrhundert eine Revolution des Weltbildes gebracht: Die Zeit und der Raum sind an das Universum gebunden, das vor 13,7 Milliarden Jahren begann, sich auszudehnen. Für die ersten 10-43 Sekunden nach dem Urknall kann es nur spekulative Aussagen geben (Planck-Zeit). Bei Elementarteilchen kann man entweder die Position oder den Impuls messen. Beides geht nicht. Wissenschaftler müssen sich entscheiden, welchen Aspekt sie messen wollen. Die Vorhersagbarkeit der Prozesse im Mikro- und Makrobereich ist nicht mehr leicht möglich. Es gibt sprunghafte Entwicklungen. Ulrich Rudnick dazu: „gleiche Ursachen haben nicht mehr gleiche Wirkungen.“ Ilya Prigogine: „Die Einführung des Chaos zwingt uns, den Begriff des Naturgesetzes um die Konzepte der Wahrscheinlichkeit … zu erweitern.“ Der Nobelpreisträger Robert B. Laughlin spricht sich dafür aus, von komplexen, selbstorganisierenden Systemen auszugehen.

Wie ist diese sehr dynamische Weltsicht mit einem Glauben an einen theistisch, nicht deistisch , nicht pantheistisch und nicht willkürlich zu denkenden Gott vereinbar?

Gott wird in der jüdisch-christlichen Erfahrungstradition als Urgrund von allem gedacht. Dieser Urgrund ist kein Teil dieser Welt wie im Pantheismus und kein Gott, der sich nach der Schöpfung zurückzieht wie im Deismus.

Der biblische Glaube geht davon aus, dass sich Gott in der Schöpfung und in der Geschichte offenbart. Er befreit sein Volk aus der Sklaverei. Die theologische Hypothese sagt, „dass Gott als absolute Freiheit absichtlich und zielgerichtet auf unterscheidbare Weise in die Welt eingreift, in der er freilich immer schon zugegen ist, sofern diese Welt als Schöpfung geglaubt wird (S.10).“ Der Begriff „Gottes Handeln“ ist ein analoger, ähnlicher Begriff. Dazu Wolfhart Pannenberg: „Gottes Handeln darf nicht nach Art beschränkt endlichen, weltlichen Handelns gedacht werden … es ist vielmehr als universales Wirken zu verstehen.“

Die größten Schwierigkeiten kommen auf, wenn man Gott punktuelle Interventionen zubilligt. Diese würden zu den Geschöpfen in Konkurrenz und als Korrektur zu den geschaffenen Dingen stehen. Schwierigkeiten kommen auch auf, wenn man denkt, Gott bestimme alles. Das wäre ein Willkürgott. Die Theologie hat immer schon zwischen Erstursache mit Gott als Schöpfer und der Zweitursache mit den Geschöpfen unterschieden. Thomas von Aquin sah die Ebene der Schöpfung, wo Gott die Erstursache ist, von der Ebene der Geschöpfe, die die Zweitursachen sind, getrennt. Die Wunder hingegen wollte er durch das Eingreifen Gottes über die Zweitursachen hinweg erklären. Das wurde später immer wieder (zu Recht) kritisiert, weil Gott dadurch zu einer Zweitursache wird. Einer der wichtigsten Theologen in diesem Zusammenhang, Béla Weissmahr, sieht Gottes Handeln immer in den Geschöpfen als Ermöglichung des Handelns der Geschöpfe. Das Handeln Gottes wird nicht als direktes Eingeifen Gottes gesehen, sondern als mittelbares, gemeinsam wachsendes Wirken mit seinen Geschöpfen. Es ist ein interaktives, kommunikatives Geschehen. Gott handelt über die Herzen der Menschen in den verschiedenen Augenblicken, in der Gegenwart. Über das Herz kommt Gottes Heil in die Welt.

Christoph Böttigheimer, Universität Eichstätt: Wie Handelt Gott in der Welt? Reflexionen im Spannungsfeld von Theologie und Naturwissenschaft, Herderverlag,