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Säkularer Staat ohne Christentum möglich?

Der säkulare Staat ist in einem Gegenüber zum Christentum entstanden. Entstand er nur im Kampf gegen das Christentum und gegen die Kirche oder war das Christentum nicht auch die Grundlage, dass sich diese Art von säkularem Staat entwickeln konnte? Das produktive Gegenüber von säkularem Staat und christlicher Religion hat für beide Seiten Vorteile.

Der säkulare Staat ist immer in Versuchung, in totalitäre Verhältnisse eines Nationalstaates, eines kommunistischen Staates oder eines autoritären Medienstaates zu kippen. Da korrigiert ein Christentum, das den Umgang mit einem absoluten, aber gewaltlosen und feindesliebenden Gott pflegen muss und will.

Andererseits ist das Christentum immer in Versuchung, sich als Staatsreligion vereinnahmen zu lassen. Die Distanz zur Religion pflegt idealerweise der säkulare Staat, der die Religionsfreiheit garantiert, aber kein theokratischer Staat sein will. Durch einen säkularen Staat kann sich das Christentum auf seine eigene Aufgabe besinnen, worauf Charles Taylor 2007 hinwies.

Entstanden ist der säkulare Staat einerseits gegen das Christentum und gegen die Kirche, wie Ernst-Wolfgang Böckenförde 1967 darlegte, aber er entstand auch aus dem Geist des Christentums, wie Martin Rhonheimer 2012 nachwies. Für den säkularen Staat bedeutet das, dass er ohne christliche Geschichte nicht so geworden wäre.

Zu spekulieren wäre, ob er in der Zukunft als Gegenüber das Christentum nicht braucht. Es gibt jedenfalls Hinweise, dass Regionen ohne Christentum den modernen säkularen Staat nicht errichten können.

Literatur: Ernst-Wolfgang Böckenförde, Die Entstehung des Staates als Vorgang der Säkularisation, in: Säkularisation und Utopie. Erbracher Studien. Ernst Forsthoff zum 65. Geburtstag, Stuttgart 1967, 75-94
Martin Rhonheimer, Christentum und säkularer Staat, Geschichte-Gegenwart-Zukunft. Mit einem Vorwort von Ernst-Wolfgang Böckenförde, Freiburg 2012

Charles Taylor, A Secular Age, Cambridge Mass. 2007, (dt.: Ein säkulares Zeitalter, Frankfurt a. M. 2009)