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Bitte was ist der Islam??

Der Islam: zwischen Mystik und Gesetz

Der Islam ist eine der drei abrahamitischen Religionen. Er hat einen strikten Eingottglauben, Mohammed ist sein Begründer und der Koran das heilige Buch. Gemeinsam mit den Christen und den Juden glauben die Muslime an einen Gott. Gemeinsam mit den Christen verehren sie Jesus und seine Mutter Maria. Gemeinsam mit den Juden haben sie religiöse Gesetze, die den Alltag regeln: Speisegesetze und Reinigungsgesetze.

Der Islam hat einige Richtungen, die sich im Laufe der Geschichte gebildet haben. Die zwei großen Strömungen Sunniten und Schiiten haben sich in Gruppen aufgespalten, die aber alle an den fünf Säulen festhalten:

Das Glaubensbekenntnis (Sahada), das fünfmalige Gebet mit Waschungen (Salat), die 2,5% Armensteuer (Sakat), das Fasten (Sawm) im Ramadan und die Pilgerfahrt (Haddsch) nach Mekka.

Nicht an alle 5 Säulen des Islam halten sich die Aliwiten (7er Schiiten) in der Türkei und Syrien.

Der Koran als Buch wird nicht wie im Christentum die Bibel als Sammlung der Erfahrungen mit Gott gesehen, sondern direkt von Gott dem Mohammed in den Mund gelegt. Es ist reinstes Wort Gottes, nicht wie bei Christen Gotteswort in Menschenwort. Wissenschaftliche historisch-kritische Untersuchungen dürfen im Koran (noch?) nicht durchgeführt werden.

Mystik: Versenkung in Gott

Die große Gruppe der Sunniten (Sunna = Tradition) verehrten viele heilige Männer, Sufis, meist Mystiker. Mystik hat nichts mit Geheimnis oder Mythos zu tun. Mystik ist ein Gebet, bei dem Menschen sich in Gott versenken. Einige Sufis leben in Gemeinschaften, nennen sich Derwische und einige von ihnen pflegen den religiösen Tanz. Im 18. Jahrhundert gründete Abdal Wahhab (1709 – 1792) eine puritanische Reformbewegung, den Wahhabismus, der mit Hilfe der Saudis Mekka eroberte. Sie zerstörten die Gräber der Sufis und legten die Scharia, das islamische Recht, sehr streng aus. Die Taliban in Afghanistan waren Wahhabiten, die in pakistanischen Koranschulen ausgebildet wurden. Diejenigen Sunniten, die keine Wahhabiten sind, sehen sich oft als Sufiten.

Die Sunniten stützen sich neben dem Koran auf die Hadiths, Texte von und über Mohammed, die in verschiedenen Sammlungen überliefert werden.

Die vielen Gruppen der Schiiten

Die kleinere Gruppe der Schiiten (Schiatu = Partei) verehren Ali, den Schwiegersohn Mohammeds fast göttlich. Die Söhne und Nachkommen Alis werden von den Schiiten Imame genannt. Über die Zahl der Imame besteht Uneinigkeit, sodass es verschiedene Schiiten gibt. Meist wird der letzte Imam als Erlöser (Mahdi) gesehen, der am Ende der Welt wiederkommen wird.

Die 5-er Schiiten verehren 5 Imame. Der 5. ist Zaid, deswegen werden sie auch Zaiditen genannt. Er wird als Anführer wiederkommen. Sie leben vor allem im Jemen.

Die 7-er Schiiten sind die Ismailiten. Auch im Norden Afghanistan leben sie. Sie verehren den 7. Imam Ismael, der um 762 starb. Sie haben eine neuplatonische Lehre mit der Emanation der Welt aus Gott. Einige sind ausgestorben, wie die Assassinen (gegründet 1081) und die Karmaten im 9. Jhdt, die den schwarzen Stein der Kaaba entführten. Die Bohoras leben in Indien. Die Khojas leben in Ostafrika verehren den Agha Khan. Die Drusen leben im Libanon und verehren Al Hakim, der 1021 starb, aber in der Zukunft wiederkommen wird. Hakim war schiitischer Kalif in Nordafrika aus dem Geschlecht der Fatimiden, die von Fatima, der Lieblingstochter des Mohammed abstammten.  Die Ismaeliten begründeten 909 in Nordafrika das fatimidische Kalifat.

Geschichte des Islams:

Mohammed: Zwischen 570 und 580 wurde er in Mekka geboren, wurde früh Waise, war im Karawanenhandel tätig, heiratete die Witwe Khadija, die 4 Töchter gebar. Mit 40 hatte er ein Berufungserlebnis und fing an, öffentlich zu reden: Es gibt nur einen Gott, das Gericht Gottes kommt, verzeiht einander, tut Buße, die Gerechten werden auferstehen. Seinen Offenbarungen gingen immer wieder ekstatische Anfälle voraus. Am 15.od.16. Juli 622 flüchtet er nach Yatrib (später Madinat = Medina), wo er Anhänger gewann und neue Gesetze für die Stadt schuf. Er überfiel Karawanen und eroberte 630 Mekka und machte die Kaaba zum Wallfahrtsort. 2 Jahre später machte auch er die Wallfahrt und starb im Jahr 632 n. Chr.

Koran: Die Verkündigung Mohammeds wurde von seinen Anhängern im Koran (= Lesung) aufgeschrieben, nachdem sie seine Reden auswendig lern­ten. Die Sammlung der Texte begann sein Schwiegersohn Othman zusammenzustellen. Er ist eingeteilt in 114 Kapitel (Suren) und enthält 6226 Verse. Im Koran ist alles enthalten, was für das Heil wichtig ist. Er ist das Gesetz für die Gemeinschaft. Es gibt keine islamische Textkritik, keine islamische Quellenforschung, keine anerkannte Übersetzung aus dem ara­bischen.

Hadiths: Neben dem Koran gibt es Aussprüche Mohammeds, die in der Sunna überliefert werden. Hadiths und Koran sind die Grundlagen für die Scharia, das islamische Gesetz.

Nachfolger: Abu Bakr und Omar wurden die Nachfolger Mohammeds, die sogenannten Kalifen. Der 3. Kalif Othman, der den Koran zusammenstellte, wurde ermordet, sein Nachfolger Ali, ein Vetter Mohammeds, verlegte seine Residenz nach Damaskus. Sein Gegner Mohawija vertrieb ihn nach einem Jahr (657). Nachdem er sich einem Schiedsgericht unterwerfen wollte, trennten sich seine Anhänger, die Charadschiten (heute: Abaditen) von ihm. Vier Jahre später wurde er in Kufa ermordet. Die Schiiten verehren ihn als rechtmäßigen Nachfolger und Verwandten Mohammeds. Die Sunniten sehen in Mohawija, dem Begründer der Omaijaden- Dynastie, den rechtmäßigen Kalifen.

Eroberungen: Der sunnitische Islam breitete sich durch die Eroberungen der Omaijaden nach Spanien und ins Industal aus. Die Moslem eroberten auch das Zentrum von Judentum und Christentum, Jerusalem. Durch die anderen Kulturen wurden viele Fragen zum Wesen Gottes ausgelöst (9.Jhdt). Die Seldschuken, ein türkischer Stamm, eroberte im 11.Jhdt. Persien und stieß bis Palästina vor. Der Kurde Saladin begründete im 12. Jhdt in Ägypten die Aijubidendynastie, zur gleichen Zeit regierten die Almohaden in Spanien. Die Sufi, die Derwische und die Fakire repräsentierten die damalige Armutsbewegung. Im 13./14. Jhdt waren die Mamluken in Ägypten und die Mongolen in Persien. Ab 1500 regierten die Großmoguln in Indien, ab dem 15.Jhdt bis zum 1. Weltkrieg hatten die Osmanen ein großes Reich (Balkan, Türkei, Irak, Ägypten u.a.).

Kommentar:

Kein Fundamentalismus!

1. Islam ist eine Religion und darf kein Staat sein. Wer glaubt, dass der Islam Politik ist, betreibt Fundamentalismus.

2. Die religiösen Gesetze der Scharia sind großteils OK. Die strafgesetzlichen Bestimmungen hingegen müssen aus dem Islam verbannt werden (Hand abhacken, Todesstrafe).

3. Der Islam soll ethische und moralische Prinzipien als Hilfe für die Gesellschaft anbieten. Aber kein Muslim und keine Muslimin darf einen islamischen Staat anstreben. Gesetze dürfen nicht mit dem Ruf: Das will Allah! eingeführt werden. Eine totalitäre Herrschaft der religiösen Mullahs oder eine totalitäre Herrschaft einer moslemischen Mehrheit ist immer eine Katastrophe.

4. Ein Übertritt zu einer anderen Religion darf nicht mit dem Tode bedroht werden. Die Religion bei einer Mischehe muss Sache der Ehepartner sein.

5. Jeder Muslim / jede Muslimin muss sich entscheiden: Lebe ich einen soliden, auf religiöse Bereiche begrenzten Islam oder einen politisch totalitären Islam.

Wunderbarer Eingottglaube und Sternstunden der Mystik

Ich finde, dass der Islam zwei große Aspekte mit dem Christentum verbindet. Der Glaube an einen Gott, der barmherzig, im großen und ganzen verstehbar und im Grunde allmächtig ist.  Er hat sich im Laufe der Geschichte als Gott gezeigt, der die Welt erschaffen hat und der die Welt und die Menschen zu einem guten Ende führt.

Der zweite Aspekt ist die Mystik, in der die Seele mit Gott im Gebet und in der meditativen „Schau“ sich vereint. Die Sufimeister und Meister Eckehart sind in ihren Lehren hier im Gleichklang.

Mit dem Judentum hat der Islam vieles gemeinsam: Beide Religionen definieren Speisegebote und Reinheitsgebote, beide Religionen haben ein Bilderverbot und beide Religionen haben Kleidervorschriften für Männer und Frauen. Aber auch im Judentum gibt es – vor allem bei den Chassidim – eine ausgeprägte Mystik.

Dschihad – Kampf wofür?

Es gibt im Islam drei Arten von Dschihad, die sich im Laufe der Zeit herausgebildet haben:

1. Dschihad ist die „persönliche Anstrengung“, ein gläubiges Leben als Moslem / als Muslimin zu führen.

2. Dschihad ist der geregelte Krieg, ausgerufen vom Kalifen, die Umma (= die Gemeinschaft der Moslem) zu verteidigen.

3. Dschihad ist der Kampf gegen die Feinde des Islam in den nichtislamischen Ländern (in den „Ländern des Krieges“).

Diese letztere Bedeutung wurde von den Fundamentalisten auch auf sogenannte islamische Länder ausgeweitet, weil sie die westliche Kultur als Bedrohung erleben. Diese letzte Bedeutung des Dschihad wurde im letzten Jahrhundert für Fundamentalisten immer wichtiger, weil die Umma (seit Ata Türk) keinen Kalifen mehr hat.

Ich finde, dass Gewalt keine Lösung der Probleme bringt, sondern neue.

Die Einteilung in islamische und westliche Länder verhindert ein friedliches Zusammenleben der Religionen. Leider gibt es noch immer sogenannte islamische Länder, in denen andere Religionen nicht frei ausgeübt werden können.

Jesus und der Koran

Jesus Christus ist für Christinnen und Christen der Sohn Gottes, der unser Bruder wurde, gestorben, auferstand und alle Menschen zu Gott führt. Das Neue Testament ist Gotteswort in Menschenwort, die gesammelten Erfahrungen der Christen mit Jesus Christus und dem heiligen Geist. Jesus ist die letzte große Offenbarung Gottes. Alle Offenbarungen danach sind Privatoffenbarungen. Auch Mohammeds Offenbarung ist für Christen – wenn sie hoch bewertet wird – eine Privatoffenbarung.

Anders sehen es vielleicht Moslem und Muslima. Mohammed hat in ihren Augen eine Offenbarung Gottes gehabt, die die vorhergehenden Offenbarungen übertrifft. Fundamentalisten glauben, dass der Koran reines Gotteswort ist. Demgegenüber wissen die Islamgelehrten, dass Mohammed selber nicht schreiben konnte und vieles zuerst mündlich weitergegeben wurde. Die Schrift des Ur-Koran bestand aus nur 18 Buchstaben, die Rasm (Spur) genannt wurden. Erst später wurden Vokale eingefügt und die Konsonanten genauer festgelegt. Trotzdem blieben viele unklare Stellen. Die Sprache des Korans ist arabisch mit vielen Lehnwörtern aus dem Aramäischen, der damaligen östlichen Verkehrssprache. Kalif Osman (er regierte 644 – 655 n. Chr.) ließ eine Koran-Edition aus verschiedenen Koranüberlieferungen herstellen. 1972 wurden die bisher ältesten, zum Teil bereits 50 Jahre nach dem Tod Mohammeds entstandenen Koranfragmente in der Großen Moschee von Sanaa (Jemen) gefunden. Sie bestehen nur aus Rasm. Ob nach 680 die Bedeutung der Worte verändert wurde, ist unklar.

Es gibt Verse im Koran, die später revidiert wurden und deren Gültigkeit aufgehoben wurde. Dieses Problem wird schon im Koran selbst diskutiert, zum Beispiel in Sure 2, 142-150, anhand der Frage der Gebetsrichtung. Diese hatte Mohammed erst mit Jerusalem angegeben, später dann aber in Mekka geändert.

Es gab wohl auch einen Vers, der die Steinigung der Ehebrecherin forderte, was auch von den meisten muslimischen Gelehrten heute noch angenommen wird. Der heutige Text des Korans erwähnt jedoch nur noch das Auspeitschen (Sure 24,2ff).

Schließlich sind auch die sogenannten satanischen Verse zu nennen, in denen Mohammed von den mekkanischen weiblichen Gottheiten sagt, dass ihre Fürsprache erwünscht ist (früher an Stelle von Sure 53,20b). Einen Tag später widerruft er diese Aussage und erklärt, dass sie ihm von Satan eingegeben wurde.

Der Koran sieht das Christentum eigenartig verzerrt. Der Koran polemisiert in Sure 5, 116 gegen eine Auffassung, die christliche Trinität bestehe aus drei Göttern, nämlich Jesus, Maria und Gott.  An dieser Stelle 5,116 fragt Gott Jesus, ob er Maria und sich selber als Götter verkündete. Jesus weist das zurück. Unklar ist, welche Christen Mohammed hier meint. Die Trinität ist nach christlicher Auffassung jedenfalls Vater, Sohn und Heiliger Geist.

Der Koran ist aus der Sicht der Literaturwissenschaft eine gewachsene Schrift. Aufgeklärte Moslem und Mosleminnen sehen darin Gotteswort in Menschenwort, nicht reines Gotteswort.

Hannes Daxbacher