Schlagwort-Archive: Sexualität

Amoris Laetitia: Gotteserlebnis im Ehebett?

Papst Franziskus

Papst Franziskus

Papst Franziskus setzt mit seinem neuen Rundschreiben „Amoris Laetitia“  eine Neubewertung der Erotik und der Sexualität durch. Beide sind nicht mehr nur ein Beiwerk für die gegenseitige Unterstützung und für die Fruchtbarkeit sondern auch ein Geschenk Gottes, bei dem sich die Ehepartner nicht nur selber schenken, sondern sie schenken sich damit auch Gott. Der Geschlechtsakt wird so zu einer Gottesoffenbarung, einer Epiphanie, wie es auch die Religionsphilosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovits schreibt:
„Es gibt gerade in der christlichen Ehe (und vielleicht nur in ihr) die Stelle, wo der geschlechtliche Vollzug, das Spiel von Frau und Mann, in die ursprüngliche Freiheit, Spontaneität und Göttlichkeit des Eros eingerückt wird. So merkwürdig das klingt: Eben das Göttliche ist im Gedanken des Sakraments der Ehe enthalten und mehr noch: gewahrt. Dabei ist auszugehen von der Ursprungsbedeutung jedes Sakraments, das im sinnlichen Zeichen Gott, die unsichtbare Gnade, gegenwärtig setzt. Im Vollzug der geschlechtlichen Einung, im Vollzug der Liebe gerade auf ihrer leiblichen Ebene, findet die Epiphanie (Offenbarwerden) Gottes statt. Nicht der Priester spendet jenes Sakrament, sondern die beiden Liebenden lassen Gott erscheinen im Akt ihrer geschlechtlichen Vereinigung als dem sinnlichen Zeichen seiner wundervollen Präsenz. … Es geht um die Anwesenheit Gottes in der Liebe.“
Erotik und Religion: Beide brauchen einander, wie es Andrew Greeley meint. Erotik ohne Religion ist seicht und oberflächlich. Religion ohne Erotik ist kalt und hart. Erotik braucht Religion, um nicht banal zu sein. Religion braucht Erotik, um die Sinne zu schärfen. Erotische Menschen sind oft tief religiös und religiöse Menschen sind oft tief erotisch. Mit Gott ist die tiefe Freude an dem Geschenk des spannungsvollen erotischen Spiels möglich.
(Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, Eros, Glück, Tod, Gräfelfing, 2001, S. 19)
Kardinal Christoph Schönborn und Kardinal Lorenzo Baldisseri stellen Amoris Laetitia vor.

Amoris Laetitia auf Deutsch

Die Sexuallehre der Kirche ist nicht in Stein gemeißelt

Bischof Stephan Ackermann

Bischof Stephan Ackermann

Nach der Umfrage über Ehe und Familie, die Papst Franziskus angeregt hat, geht die Diskussion in der katholischen Welt weiter. Viele Katholikinnen und Katholiken sehen voreheliche Sexualität nicht als schwere Sünde an. Auch Wiederverheiratete sollen nicht generell von den Sakramenten ausgeschlossen werden. Die Lehre der Kirche ist eine sehr dynamische Sache. Im katholischen Volk Gottes gib es 5 Bereiche, in denen sich Gott dem Menschen mitteilt: 1. die Heilige Schrift mit dem Alten und dem Neuen Testament, 2. der Glaubenssinn aller Getauften (SENSUS FIDEI), 3. die Tradition der Gebete, Lieder, Glaubensbekenntnisse, Gottesdienste und Heiligen, 4. das Lehramt der Bischöfe und des Papstes und 5. die theologische Wissenschaft. Diese 5 Bereiche sind zu befragen, wenn die Sexuallehre der Kirche neu interpretiert werden soll. Bei der Umfrage zu Ehe und Familie, die Papst Franziskus angeregt hat, ist ein wichtiger Bereich hervorgehoben worden, der Bereich „Glaubenssinn“ des katholischen Volk Gottes. Hier spricht Gott durch alle Getauften. Es ist gut, dass die Bischöfe und der Papst auf das Gottesvolk hören. Der Trierer Bischof Stephan Ackermann griff diese Stimmen auf und hat eine moderate Änderung der Sexuallehre vorgeschlagen: „Wir können die katholische Lehre nicht völlig verändern, aber Kriterien erarbeiten, anhand derer wir sagen: In diesem und diesem konkreten Fall ist es verantwortbar. Es geht nicht an, dass es nur das Ideal auf der einen und die Verurteilung auf der anderen Seite gibt.“
Grundlage der katholischen Wahrheit ist die Liebe, die Barmherzigkeit, das Verzeihen und die Versöhnung. Diese Kriterien zeigen sich in den 5 Bereichen: der Heiligen Schrift; im Glaubenssinn aller Getauften; in der Tradition der Gebete, der Lieder, der Glaubensbekenntnisse, der Gottesdienste und der Heiligen; im Lehramt der Bischöfe und des Papstes und in der theologischen Wissenschaft. Die Sexuallehre der Kirche ist ein dynamischer Prozess, der von der Offenbarung Gottes und seinem Willen ausgeht und in den 5 Bereichen vermittelt wird. Danke, Papst Franziskus, dass du das Gottesvolk befragst. Danke, Bischof Stephan Ackermann, dass du die Stimme des Volkes Gottes aufgreifst und niemanden verurteilst.
Allgemeine Zeitung
FAZ
Spiegel

Sexualmoral auf dem 3. Vatikanischen Konzil

Prof. José Casanova

Prof. José Casanova: Die Moderne hat ihre Sakralität

Der Religionssoziologe José Casanova sieht als Ausweg aus der Krise der katholischen Kirche ein neues Konzil, das die Kirche aus der fundamentalistischen und naturrechtlichen Moral lösen kann, in die sie durch die Enzyklika Humanae Vitae von Paul VI im Schicksalsjahr 1968 geraten ist. Freiheit, Gleichheit und das Streben nach Glück sind für ihn Teile der, wie er es nennt, „modernen sakralen Moralität“.
Casanova sieht im 2. Vatikanischen Konzil (1962-65) einen wegweisenden Ansatz, Dogmen in der jeweiligen Zeit „zu historisieren, statt naturrechtlich zu begründen.“
Ansonsten sieht er eine größer werdende Kluft im Bereich der sexuellen Moralität zwischen den Menschen und der Kirche. Nach dem gesellschaftlichen Dogma, dass „Politik nichts mit Religion zu tun hat“ ist das nächste Dogma „Sex hat nichts mit Religion zu tun.“
Stand im 19. Jahrhundert die die soziale Frage an, so ist es nach Casanova heute die Geschlechterfrage. Dies ist einer der wichtigsten Fragen, die auf einem 3. Vatikanischen Konzil zu klären sind.

Aus: Die Welt verstehen und dann verändern, Interview mit José Casanova von Irene Heisz

Die hoffnungsvolle Aufarbeitung der Missbrauchsfälle

Man kann zuversichtlich sein, dass durch die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle neue Sichtweisen in der Kirche sich durchsetzen:

  1. Die Sicht der Opfer: Es ist ein schmerzlicher Prozess, bis ein Opfer sexueller Übergriffe die Wahrheit sehen kann. Früher war diese lange Dauer ein Argument der Bischöfe für die Unglaubwürdigkeit des Opfers.  Heute wird von den Bischöfen immer betont, dass von den Opfern auszugegehen ist.  Ihnen ist zu glaubens, sie sind geschädigt und traumatisiert, sie müssen um Verzeihung gebeten werden und ihnen muss jegliche Hilfe zuteil werden. Die Bischöfe müssen mit ihnen reden.
  2. Die Transparenz ist herzustellen: Es kann nichts mehr vertuscht werden und es kann nicht mehr der Schwarze Peter der Gesellschaft, dem Teufel oder der sexuellen Revolution zugespielt werden.  Jetzt heißt es genau hinschauen und die Verantwortung wahrnehmen.
  3. Die Verantwortlichkeit liegt beim Klerus: Einerseits sind die Priester, die sich an Kindern und Unmündigen vergangen haben, verantwortlich für ihre Taten. Sie haben ein Abhängigkeitsverhältnis ausgenutzt, das durch ihren Status herstellbar war. Andererseits sind die Bischöf verantwortlich, die die Opfer nicht ernstgenommen haben, denen der Corpsgeist wichtiger war die Priester in der Pastoral versetzt haben, obwohl sie wussten, dass der Priester Kinder missbaucht. Ein Rücktritt eines Bischofs ist da angebracht.
  4. Solide Untersuchung und Hilfe: Die Broschüre „Verhinderung sexuellen Missbrauchs“ der Erzdiözese Wien ist ein gutes Beispiel für eine hoffnungsvolle Aufarbeitung dieser Vorfälle: http://stephanscom.at/service/dokumente/verhinderungvonmissbrauch.pdf. Es werden klare Verhaltensanweisungen ausgearbeitet und auch Diözesangesetze geändert.
  5. Die Zeit des Pflichtzölibats ist vorbei. Es stimmt vielleicht, dass die zölibatär lebenden Priester und Ordensangehörigen weniger oft Kinder missbrauchen als andere Männer. Es kann sein, dass die Priester und Erzieher sich mehr an die Moral halten als andere. Aber die Täter geben immer wieder an, dass ihre Einsamkeit und ihre unerfüllten sexuellen und erotischen Gefühle sie zu dieser Tat brachten. Durch die Abschaffung des Pflichtzölibats, (den es in den katholisch unierten Kirchen ja auch nicht gibt), würden die Priester nicht unter der Einsamkeit und ihren unbefriedigten sexuellen Wünschen leiden.  Sie müssen ja auf ein Menschenrecht verzichten: Enweder sie verzichten auf das Recht auf Familie oder auf das Recht auf freie Berufswahl.
  6. Durch absolutistisches Entscheiden sind Bischöfe und Pfarrer überfordert. Für ihre pastoralen,  liturgischen und verkündigenden Vorgangsweisen sind sie nur ihrem Gewissen verantwortlich. Es gibt kaum ein von den Getauften gewähltes Gremium, das dem Pfarrer oder dem Bischof Entscheidungen abnehmen oder einen Kleriker wegen einer Verfehlung zur Rechenschaft ziehen kann.
  7. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Man kann viele gute Ansätze in den Diözesen erkennen: Regeln im Umgang mit Kindern und Unmündigen, Supervision und Teamarbeit und Kontrolle der Erzieher.  Diese genauen Untersuchungen werden aber auch die Zwänge und Überforderungen der Priester und Bischöfe aufdecken. Das ist jedenfalls schon viel auf dem steinigen Weg, den das Volk Gottes gehen wird.