Schlagwort-Archive: Religion

Er reißt die Decke weg

Beim Begräbnisgottesdienst meiner Mutter sagte ich: Liebe Mutter Inge, du hast dich in die Hände des gütigen Gottes fallen lassen. Ich hoffe, du kommst auf der anderen Seite lebendig heraus und kannst über die Herrlichkeit Gottes nur staunen.
Jetzt überlege ich mir, was ich selbst erleben werde, wenn ich sterbe und auf die andere Seite komme. Kommt mir dann Gott in seiner Güte wirklich entgegen? Fängt er mich auf, macht er mich lebendig, kann ich über seine Herrlichkeit nur staunen? Es ist eine aufregende Sache. Ja, ich hoffe auf ihn.
Ich kann mir nicht vorstellen, was wäre, wenn ich ein Leben ohne Gott führe. Was wäre dann meine Hoffnung? Vielleicht würde ich einer von Menschen gemachten Ideologie anhängen, zynisch werden oder vor Angst krank werden.
Der Prophet Jesaja schreibt, dass Gott die Decke „verschlingt“, die über den Nationen liegt. Für mich besteht diese Decke aus falschen Ideologien und selbstgemachten Religionen. Diese „verschlingt“ Gott. Er hat einen guten Magen. Die Decke reißt er weg, damit wir ein Stück der Wahrheit erkennen. – Damit wir mit ihm ein Fest feiern können, mit den feinsten Speisen, ein Gelage mit erlesensten Weinen.

Sexualmoral auf dem 3. Vatikanischen Konzil

Prof. José Casanova

Prof. José Casanova: Die Moderne hat ihre Sakralität

Der Religionssoziologe José Casanova sieht als Ausweg aus der Krise der katholischen Kirche ein neues Konzil, das die Kirche aus der fundamentalistischen und naturrechtlichen Moral lösen kann, in die sie durch die Enzyklika Humanae Vitae von Paul VI im Schicksalsjahr 1968 geraten ist. Freiheit, Gleichheit und das Streben nach Glück sind für ihn Teile der, wie er es nennt, „modernen sakralen Moralität“.
Casanova sieht im 2. Vatikanischen Konzil (1962-65) einen wegweisenden Ansatz, Dogmen in der jeweiligen Zeit „zu historisieren, statt naturrechtlich zu begründen.“
Ansonsten sieht er eine größer werdende Kluft im Bereich der sexuellen Moralität zwischen den Menschen und der Kirche. Nach dem gesellschaftlichen Dogma, dass „Politik nichts mit Religion zu tun hat“ ist das nächste Dogma „Sex hat nichts mit Religion zu tun.“
Stand im 19. Jahrhundert die die soziale Frage an, so ist es nach Casanova heute die Geschlechterfrage. Dies ist einer der wichtigsten Fragen, die auf einem 3. Vatikanischen Konzil zu klären sind.

Aus: Die Welt verstehen und dann verändern, Interview mit José Casanova von Irene Heisz

Die Wiederkehr der Spiritualität und der Moral

Ein Geschenk zum Geburtstag ist immer eine Überraschung. Meine Söhne überraschten mich mit einem Krimi von Jakob Arjouni, zwei Schachteln Pralinen, einem Buch von Paulo Coelho und einem philosophischen Buch von André Comte-Sponville. Hängen blieb ich bei Comte-Sponville, der in seinem Buch „Kann Kapitalismus moralisch sein?“ drei Erklärungen bringt, warum die Moral (und mit ihr die Religion) wiederkehrt.

Das erste Phänomen ist der „erstaunliche Erfolg der Weltjugendtage unter der Schirmherrschaft von Johannes Paul II, zu denen sich 1997 mehr als eine Million Jugendliche in Paris versammelten“. Zu diesem Aufbruch der spirituellen Sehnsucht gehört der große Erfolg, den Paulo Coelho mit seinem Buch der Alchimist ereichte. Die junge Generation sucht Sinn und Moral.

Das zweite Phänomen ist der Zusammenbruch der Sowjetunion und des Ostblocks Ende der achtziger Jahre. Dadurch hat der Kapitalismus keinen Gegner mehr. Der „Triumph“ des Kapitalismus ist eher verwirrend. Wozu siegen, wenn man nicht weiß, wofür man lebt? Der Kapitalismus braucht keinen Sinn und keine Moral. Doch die Menschen und die Kulturen schon.

Das dritte Phänomen ist der soziale Tod Gottes. „Der Einzelne kann noch an Gott glauben, unsere Gesellschaft kann ihren Zusammenhalt nicht mehr auf ihn gründen. Dadurch entsteht eine große Leere, die den Gesellschaftskörper schwächt.“ Comte-Sponville verweist auf Michel Serres, der Religion mit „verbinden“ übersetzt. „Religion ist das verbindende Element zwischen Menschen, weil sie sie allesamt mit Gott verbindet.“ Das Gegenteil von Religion ist nicht der Atheismus, sondern die Bindungslosigkeit. Der Individualismus bringt gute Konsumenten hervor und damit ordentliche Produzenten, aber er auch den Tod der Kultur.

Comte-Sponville befürchtet, dass der gesellschaftliche Tod Gottes gleichzeitig der Tod des Geistes ist. Am Sonntagmorgen können wir nur die Supermärkte füllen, weil die Kirchen sich leeren. „Gestatten Sie mir, dass ich Ihnen als bekennender Atheist sage, dass die Supermärkte nicht die Kirchen ersetzen können. … Die Jugend spürt das übrigens sehr wohl.“

Gott beantwortet nicht mehr die Frage: „Was soll ich tun?“ André Comte-Sponville schließt daraus, dass wir deswegen Moral umso notwendiger brauchen. Ich hingegen frage mich: Welchen Sinn hat Moral, wenn es keinen großen Sinnzusammenhang gibt? Muss ich nicht beides, den untergründigen Sinn erforschen und der Frage der Moral nachgehen?

Jedenfalls werde ich mir zum Geburtstag einige Pralinen genehmigen und dazu den Krimi lesen. Sollte mich ein spirituelles Bedürfnis plagen, werde ich zuerst zu Coelho greifen und dann …

Thesen für ein neues religiöses Verständnis (1. Version)

  1. Es geht nicht ums Christentum, sondern um die Nachfolge Jesu. Jesus ist für alle da, über Konfessionsgrenzen, aber auch über Religionsgrenzen hinaus.
  2. Bibelgetreues Christentum ist eine Mischung aus Frohbotschaft und Drohbotschaft, denn die Bibel – auch das Zweite Bundesbuch (= NT) – enthält Texte verschiedener Qualität und verschiedener Herkunft, die einander – vor allem vom Geist her – teilweise widersprechen und die teilweise ein Kirchenbild liefern, das jetzt und in Zukunft nicht mitgeschleppt werden darf. In diesem Sinn gehe ich in meinen Bibelbearbeitungen (die nächste erscheint zum Jahreswechsel) einen neuen Weg.
  3. In den ersten ökumenischen Konzilien wurde eine Tradition entwickelt, die weitgehend der Hellenisierung des Christentums entsprach. Auf so gut wie alle Begriffe der antiken Metaphysik und die darauf aufbauende Dogmatisierung können wir heute verzichten. In diesem Sinn gehe ich in meinen Sachbüchern (das nächste erscheint im Frühjahr 2011) einen neuen Weg.
  4. Monarchische, autokratische Strukturen sind nicht dazu geeignet, Leben und Anliegen Jesu widerzuspiegeln.
  5. Alle Menschen, die Jesus nachfolgen, haben die gleiche Verantwortung und Würde. Die Teilung der Menschen in den sogenannten Klerus und die sogenannten Laien ist abzulehnen. Die volle Gleichbehandlung von Mann und Frau ist unumgänglich. Für die Ausübung von Funktionen muss es eine demokratisch legitimierte Beauftragung geben.
  6. Alle Gemeinschaften im Namen Jesu haben die gleiche Verantwortung und Würde. Es ist unumgänglich, dass die Gemeinschaften einander voll anerkennen und einander volle Teilnahme an allen liturgischen Feiern gewähren, einschließlich Abendmahl. Dachorganisationen sind wünschenswert.

Diese Thesen sind ein Versuch, in Kurzform etwas von dem festzuhalten, was ich in meinen Büchern erarbeite. Ich habe die Thesen in Hinblick auf die Gruppe „Christlich-ökumenisch“, die ich in Facebook gegründet habe, in einer ersten Version aufgestellt.

Die Thesen stellen mein persönliches Verständnis dar. Sie sind formuliert ohne Rücksicht auf das, was derzeit durchsetzbar ist. Ich freue mich auf Euer Feedback.

Werner Krotz