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Schwierige Entscheidungen

BuschwindröschenEin Satz kann einem die Augen öffnen. Am Sonntag sprach ich mit einer Freundin über meinen Bruder, der im Bett liegt, kaum reden kann und den ich betreue. Sie meinte, dass ich in meinem Bruder Jesus diene. Das hat mich gefreut. Ich bin jetzt mit anderen Augen durch den Alltag gegangen.
Ich habe gesehen, wie in einer Nebenstraße ein älterer Herr mit Rollator sich zu Buschwindröschen hinunterbeugte. Ich bemerkte, dass er sich nicht bücken konnte. Ich bin mit dem Auto stehen geblieben und habe ihm einen Buschen Blumen gepflückt. Er freute sich: „Buschwindröschen habe ich so gern.“
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es in schwierigen Entscheidungen sinnvoll ist, den Beistand des Heiligen Geistes zu erbeten. Ich musste mich entscheiden, meinen 53jährigen Bruder in einem Pflegeheim anzumelden. Zurzeit bekommt er eine 24 Stunden-Pflege und muss wegen Entzündungen immer wieder ins Krankenhaus. Seine Wohnung im 2. Stock hat keinen Lift und ist für einen Rollstuhl zu eng. Ich muss immer wieder weite Strecken fahren, um ihn zu besuchen und die Pflegerinnen zu betreuen. Als ein Bett frei wurde, musste ich mich schnell entscheiden. Jetzt bin ich froh, dass er Morgen in ein sehr schönes „Sozialzentrum“ geführt wird, das ich auch leicht erreichen kann. Ich habe Bilder in sein Zimmer gebracht und hoffe, er lebt sich dort gut ein.

Warum habe gerade ich dieses Schicksal?

Ich betreue meinen Bruder, der primär progrediente multiple Sklerose hat. Als er noch gehen konnte spazierten wir im Garten der Rehabilitationsklinik und entdeckten eine Kapelle. Er fragte mich, warum gerade er diese schlimme Krankheit bekommen hat, bei der er in wenigen Jahren gelähmt sein wird. Ich sagte ihm, dass er ein Zeichen ist für die anderen Menschen, dass unsere wirkliche Heimat nicht auf der Erde, sondern bei Gott ist.
Als ich ihn heute besuchte erinnerte ich uns beide an diese Geschichte. Er kann mittlerweile nur mehr vier Worte sprechen und sich kaum mehr bewegen. Als ich ihm diese Geschichte erzählte, hellte sich sein Gesicht auf. Er wurde ganz ruhig und fing an vor sich hinzuträumen.