Schlagwort-Archive: Homosexualität

Toleranzbotschaft von Kardinal Schönborn und die Geschichte der Toleranz

Kardinal Christoph Schönborn

Kardinal Christoph Schönborn

Kardinal Christoph Schönborn freut sich mit Thomas Neuwirth, der als Conchita Wurst einen so großen Erfolg hat. Er betet für ihn um Gottes Segen. Dies schreibt er in der Zeitung ¨Heute¨ (16.5.14) und erinnert an die Schöpfung: Gott schuf den Menschen als sein Abbild … Als Mann und Frau schuf er sie. Das Leben werde erst spannend durch die Anziehung von Mann und Frau. Sie ergänzen sich. Und es gibt im Garten Gottes eine bunte Vielfalt. Nicht alle fühlen gleich und doch verdienen alle Respekt.
Schönborn erinnert an die Intoleranz von Boko Haram, die 276 christliche Mädchen zwangsislamisiert und an die Todesstrafe für Homosexualität in einigen Ländern dieser Welt. Toleranz, die die Welt braucht, ist für den Kardinal die Achtung vor dem Anderen, auch wenn man seine Ansicht nicht teilt. Link zu Heute
NACHTRAG: Eine Historikertagung 1994 kam zu dem Ergebnis, dass die Toleranz, wie wir sie heute erleben, im christlichen Mittelalter schon geprägt wurde. Der Begriff Toleranz ist nach dem Historiker Klaus Schreiner eine altchristliche Hervorbringung.  Die alten vorchristlichen Lateiner verstanden unter „tolerantia“ das Ertragen von Unrecht, Folter und Hunger, nicht aber das Dulden andersdenkender Menschen. Wer dem Kaiser nicht opferte, wurde den wilden Tieren vorgeworfen. Die christlichen Philosophen haben aus „tolerantia“ eine soziale Tugend gemacht. Sie wollten keinen Zwang ausüben, sondern sie argumentierten und benutzten Verstand und Vernunft.
Entschieden wurde auf einem Konzil, das als Forum der Diskussion diente. Das Apostelkonzil in Jerusalem beschloss mit der Formel: „Der Heilige Geist und wir haben beschlossen.“ (Apg 15,28). Nicht nur der Heilige Geist bestimmt alles, sondern die Apostel bestimmen mit ihm zusammen. Ziel der Beratungen war, die Gemeinschaft wieder herzustellen oder den Ausschluss (die Anathema) auszusprechen. Die christliche Gemeinschaft unterschied sich von anderen Religionen darin, dass keine körperliche Beseitigung verordnet wurde, wie es später im Islam und ab dem Spätmittelalter (!) in manchen Ländern Europas aus nationalen Gründen geschah.
Zwei Bibelworte wurden für den Verzicht auf körperliche Gewalt maßgeblich:
•    Das Gleichnis vom Unkraut und dem Weizen, wo es heißt: Lasst beides wachsen, das Unkraut mit dem Weizen. Erst Gott wird am Ende gut richten.
•    Die Aufforderung, in allem die Liebe walten zu lassen: „Die Liebe erträgt alles (caritas tolerat omnia), glaubt alles, hofft alles, hält allem stand“ (1Kor 13,7)
(Vergleiche: Arnold Angenendt, Toleranz und Gewalt, Das Christentum zwischen Bibel und Schwert, Münster, 2007, S. 232 und Jobo72’s Weblog)

Heuchelt ein Pfarrer?

Auch Pfarrer können bereuen

Auch Pfarrer können bereuen

Heuchelt ein Pfarrer, wenn er gegen homosexuelle Praktiken predigt, aber selber vor Jahren das Zölibatsversprechen gebrochen hat? Nicht unbedingt.

Wenn jemand Wasser predigt und Wein trinkt, ist es eine Form von Heuchelei, weil der Prediger von den Zuhörern etwas fordert, was er selber nicht bereit ist in seinem Leben umzusetzen.

Wenn jemand moralisch einen Fehler begeht, ihn bereut, es soweit es geht wieder gut machen möchte und es als ChristIn beichtet, dann kann man nicht von Heuchelei sprechen.

Moralische Fehler sind verzeihbar. Grundlage ist die Reue. Das gilt auch für die Kirche als Gemeinschaft der ChristInnen. Auch die Kirche kann moralische Fehler machen. Sie muss es bereuen und Gott um Vergebung bitten. So geschehen am 12. März 2000 im Petersdom durch Johannes Paul II.

Die Heuchelei ist nicht an Institutionen wie die Kirche gebunden, sondern an Personen, die nach außen etwas anderes zeigen, als sie im Inneren denken. Insofern ist Heuchelei nichts typisch Religiöses, sondern eine Untugend, die bei allen Menschen auftreten kann, die außen Hui, innen Pfui sind. Diese Haltung kann abgelegt werden.

Jesus spricht von Gräbern, die innen voll Knochen, Schmutz und Verwesung sind, aber außen weiß angestrichen sind und schön anzusehen. Die Becher und das Geschirr werden nur außen gewaschen. Innen sind sie voll Diebsgut. Die Betonung der inneren Reinheit ist eine Revolution, die Jesus einläutet.

Wenn Bischöfe das Evangelium predigen und dann wie Jesus handeln, dann ist es keine Heuchelei. Wenn Bischöfe nicht wie Jesus handeln, sondern Gesetze wichtiger nehmen, dann ist es im strengen Sinne zwar keine Heuchelei, aber widersprüchlich. Jesus hat den Sabbat und die Sabbatgesetze in den Dienst der Menschen gestellt: Der Sabbat ist für die Menschen da. Inwiefern muss die katholische Kirche ihre Regeln überdenken?

Homosexualität: Die Kirche gewinnt neue Erkenntnisse

Petrus und Paulus

Petrus und Paulus

Es gibt Vieles, was in den Kirchen eine Zeiterscheinung ist. Im Herbst fallen die Blätter und im Frühling kommen neue. Die Äste und der Stamm aber bleiben. So gibt es Vieles, was sich im Laufe der Geschichte erhält und nicht untergeht.

Die Offenbarungen Gottes sind wie die Wurzeln eines Baumes. Sie begründen die Kirche. Es haben sich daraus in der Geschichte einige Äste entwickelt, damit sich diese Selbstoffenbarung Gottes in der Geschichte entfalten kann.

Ein Ast ist die Heilige Schrift, die eine gute Sammlung der Erfahrungen Israels und der ersten Christen ist. Vieles ist eine Zeiterscheinung und trockenes Laub. Texte über die Homosexualität im Alten Testament sind altes Laub, das der Geist Gottes, der weht, wo er will, in das Abseits wehte. Viele andere Erfahrungen bleiben bestehen. Auch durch die vier übrigen Äste, die das Bleibende stützen:

Ein zweiter Ast ist der Glaubenssinn aller Christen. Da helfen alle Gläubigen mit, die Offenbarung Gottes zu bewahren. In Stützenhofen, Niederösterreich, wo ein homosexueller Mann 2012 mit großer Unterstützung der Bevölkerung in den Pfarrgemeinderat gewählt wurde, sah Erzbischof Schönborn den Glauben der Pfarrgemeinde und den Glauben des jungen Pfarrgemeinderates und hörte auf den Glaubenssinn des Gottesvolkes. Seine Entscheidung kann man weise nennen.

Ast

Der dritte Ast ist die Theologie, die den Glauben vernünftig deutet und das Gemeinsame bewahren hilft. Im Verein mit den anderen Wissenschaften kann Homosexualität erforscht und vernünftig gedeutet werden.

Der vierte Ast ist das kirchliche Lehramt, das die Aufgabe hat, nach einer Gesprächsphase über die Selbstoffenbarung Gottes und einem Diskussionsprozess verbindliche Entscheidungen zu treffen. Eine dieser Entscheidungen wurde schon gefällt: Homosexuell empfindende Menschen werden genauso wie andere Erdenbürger von Gott geliebt. Damit der Glaubenssinn erhalten bleibt, können die Entscheidungen des Lehramtes in späteren Jahren durch Konzilien und Päpste neu formuliert werden.

Der fünfte Ast der Kirche ist die Gebetstradition in den Gemeinschaften, den Sakramenten und den Gottesdiensten. Die Verbindung der Gläubigen mit Gott vermittelt Erkenntnisse über die Homosexualität, die über die Naturordnung hinausgeht. Dadurch, dass Gott Mensch wird, ereignet sich eine starke Dynamik. Im Gottesdienst beten alle im Heiligen Geist zu Gott Vater. Diese BeterInnen bilden den Leib Christi. Es vollzeiht sich die Hingabe des Sohnes (Jesus Christi) an den Vater. Paulus schreibt, dass durch Christus das Gesetz aufgehoben ist.

Was dies für die Homosexualität bedeutet, ist erst im Licht dieser Dynamik erkennbarer. Die Moral und die Ethik werden durch die Selbstoffenbarung Gottes dynamisiert. Die kirchliche Ordnung hat keinen Selbstzweck, sondern zentriert sich auf das Leben mit Jesus Christus und dem Heiligen Geist. Inwiefern Homosexualität im Heiligen Geist gelebt werden kann, wird die Zukunft zeigen.

Die fünf Erkenntnis-Äste der Kirche und die Lebendigkeit des dreifaltigen Gottes sorgen dafür, die Sehnsucht der Schöpfung wach zu halten und zu sehen, dass alle Menschen, auch die homosexuell empfindenden Menschen von Gott geliebt werden.

 Link ORF NÖ