Schlagwort-Archive: Ernesto Cardenal

Die ganze Natur steht in Flammen der Liebe

Übergänge
Die ganze Natur steht in Flammen der Liebe, geschaffen durch die Liebe, um die Liebe in uns zu entzünden.

Der Mystiker Ernesto Cardenal schreibt in der Meditation über die Natur:
Die Abende und die Nächte sind ruhig und einsam, weil Gott sie für die Kontemplation geschaffen hat. Die Wälder und die Wüsten, der Sternenhimmel und die Berge sind geschaffen, damit wir uns in sie versenken.

Die Elstern und die Chocoyos erzählen uns von Gott, und es ist Gott, der ihnen die Sprache gegeben hat. Alle Tiere, die im Morgengrauen ihre Stimme erheben, singen Gott. Die Vulkane und die Wolken und die Bäume schreien uns von Gott. Die ganze Schöpfung schreit uns durchdringend, mit einem großen Schrei, von der Existenz und der Schönheit und der Liebe Gottes. Die Musik dröhnt es uns in die Ohren, und die Landschaft ruft es uns in die Augen.

An jeder Straßenecke finde ich Briefe Gottes« sagt Whitman und „Das grüne Gras ist ein duftendes Taschentuch Gottes mit Seinen Initialen, das Er fallengelassen hat, um uns an Ihn zu erinnern“. So verstehen die Heiligen die Natur, so verstand sie Adam im Paradies. (Und auch die Dichter und Künstler verstehen sie in gewisser Weise und unter gewissen Umständen, wie Adam und die Heiligen sie verstanden haben.)

In der ganzen Natur finden wir die Initialen Gottes, und alle erschaffenen Wesen sind Liebesbriefe Gottes an uns.

Die ganze Natur steht in Flammen der Liebe, geschaffen durch die Liebe, um die Liebe in uns zu entzünden. Und es gibt keinen anderen Grund für die Existenz aller Wesen; sie haben keinen anderen Sinn und können uns keine andere Befriedigung gewähren als dies: in uns die Liebe Gottes zu entzünden. Die Natur ist wie ein Schatten Gottes, ein Widerschein und Abglanz Seiner Schönheit. Der stille blaue See ist ein Widerschein Gottes. In jedem Atom wohnt ein Bild der Dreifaltigkeit, eine Figur des dreieinigen Gottes.

Weiterlesen

Ich bin zur Karikatur geworden

Mein Gott, mein Gott – warum hast Du mich verlassen?
Ich bin zur Karikatur geworden,
das Volk verachtet mich.
Man spottet über mich in allen Zeitungen.
Panzerwagen umgeben mich,
Maschinengewehre zielen auf mich,
elektrisch geladener Stacheldraht schließt mich ein.
Jeden Tag werde ich aufgerufen,
man hat mir eine Nummer eingebrannt
und mich hinter Drahtverhauen fotografiert.
Meine Knochen kann man zählen wie auf einem Röntgenbild,
alle Papiere wurden mir weggenommen.
Nackt brachte man mich in die Gaskammer,
und man teilte meine Kleider und Schuhe unter sich.
Ich schreie nach Morphium, und niemand hört mich.
Ich schreie in den Fesseln der Zwangsjacke,
Im Irrenhaus schreie ich die ganze Nacht,
im Saal der unheilbar Kranken,
in der Seuchenabteilung und im Altersheim.
In der psychiatrischen Klinik ringe ich schweißgebadet mit dem Tod.
Ich ersticke mitten im Sauerstoffzelt.
Ich weine auf der Polizeistation,
im Hof des Zuchthauses,
in der Folterkammer
und im Waisenhaus.
Ich bin radioaktiv verseucht,
man meidet mich aus Furcht vor Infektion.

Aber ich werde meinen Brüdern von Dir erzählen.

Auf unseren Versammlungen werde ich Dich rühmen.
Inmitten eines großen Volkes werden meine Hymnen angestimmt.
Die Armen werden ein Festmahl halten.
Das Volk, das noch geboren wird,
unser Volk,
wird ein großes Fest feiern.

Psalm 22, Ernesto Cardenal, Poet und Priester (1967)

In jedem Innern brennt der gleiche Durst

Ernesto Cardenal 1925-2020

Der Dichter, Priester und Befreiungstheologe Ernesto Cardenal kämpfte bis zuletzt für eine gerechtere Welt. Seine Poesie hat mich sehr beeindruckt und mir geholfen. Sein Buch von der Liebe beginnt mit dem existentiellen Durst, den wir Menschen erleben können:

Der Durst

In den Augen aller Menschen wohnt eine unstillbare Sehnsucht. In den Pupillen der verschiedenen Menschen, in den Blicken der Kinder und Greise, der Mütter und liebenden Frauen, in den Augen des Polizisten und des Angestellten, des Abenteurers und des Mörders, des Revolutionärs und des Diktators und in denen des Heiligen: in allen wohnt der gleiche Funke unstillbaren Verlangens, das gleiche heimliche Feuer, der gleiche tiefe Abgrund, der gleiche unendliche Durst nach Glück und Freude und Besitz ohne Ende. Dieser Durst, den alle Wesen spüren und von dem auch im Gleichnis von der Samariterin am Brunnen gesprochen wird, ist die Liebe zu Gott.

Um dieser Liebe willen werden alle Verbrechen begangen und alle Kriege gekämpft, ihretwegen lieben und hassen sich die Menschen. Um dieser Liebe willen werden Berge bestiegen und die Tiefen der Meere erforscht, für sie wird geherrscht und intrigiert, gebaut und geschrieben, gesungen, geweint und geliebt. Alles menschliche Tun, sogar die Sünde, ist eine Suche nach Gott, nur sucht man Ihn meistens dort, wo er am wenigsten zu finden ist.

Weiterlesen

Ich werde dich preisen, solange ich lebe

Psalm 104 von Ernesto Cardenal

Lobe den Herrn, meine Seele!
Herr, mein Gott, Du bist groß.
Du bist in Atomenergie gekleidet
wie in einen Mantel.
Wie auf einer Töpferscheibe hast Du
aus einer Wirbelwolke kosmischen Staubes
die Spiralen der Milchstraßen gezogen.
Unter Deinen Händen begann das Gas sich zu verdichten und zu glühen,
so formtest Du die Sterne.
Wie Sporen oder Samen hast Du Planeten ausgestreut
und sätest Kometen wie Blumen.
Ein rotglühendes Meer war der ganze Planet,
Eisen und rote, geschmolzene Felsen
stiegen und sanken mit den Gezeiten.

Und alles Wasser war damals noch Dampf,
dunkle Wolken decken hüllten die Erde ein.
Und dann begann es zu regnen – Jahrhundert um Jahrhundert,
ein jahrhundertelanger Regen fiel auf steinerne Kontinente.

Weiterlesen

Nicaraguanischer Dichter Ernesto Cardenal heimlich beerdigt

Wegen befürchteter Angriffe auf die Trauergemeinde ist der nicaraguanische Dichter und Befreiungstheologe Ernesto Cardenal einen Tag früher beerdigt worden als geplant. Die Beerdigung sollte ursprünglich am Samstag stattfinden.

Quelle: domradio.de, Sa 7.3.2020 Nicaraguanischer Dichter Ernesto Cardenal heimlich beerdigt
Deutsche Welle Mi 4.3.2020 Ausschreitungen bei Trauerfeier für Ernesto Cardenal

Psalm 4:
Hör mich, weil ich Dich rufe – Gott meiner Kindheit –
Du wirst mich aus dem Konzentrationslager befreien.
Wie lange wollt ihr, Machthaber, in eurer Verblendung beharren?
Wann hört ihr auf, mit Schlagworten um euch zu werfen
und Propagandaphrasen zu dreschen?
Viele gibt’s, die fragen:
„Wer wird uns von ihren Atomwaffen befreien?“
Ich sage: Lass Du, Herr, Dein Antlitz leuchten
über ihren Bomben.
Du schenktest meinem Herzen größere Freude,
als Wein, den sie auf ihren Festen trinken.
Gehe ich zu Bett, so schlafe ich ruhig ein.
Alpdrücken und Schlaflosigkeit quälen mich nicht,
und ich erschrecke nicht vor den Gespenstern meiner Opfer.
Ich brauche keine Beruhigungsmittel,
weil Du, Herr, mir Sicherheit gibst.
(Ernesto Cardenal)

Ernesto Cardenal: Psalmen und Das Buch von der Liebe

Sie waren die Nahrung für mich: die Psalmen und Das Buch von der Liebe. Immer, wenn ich hungrig war, las ich daraus.

Psalm 1:
Selig der Mensch, der den Parolen der Partei nicht folgt
und an ihren Versammlungen nicht teilnimmt,
der nicht mit Gangstern an einem Tisch sitzt
noch mit Generälen im Kriegsgericht.
Selig der Mensch, der seinem Bruder nicht nachspioniert
und seinen Schulkameraden nicht denunziert.
Selig der Mensch, der nicht liest, was die Börse berichtet,
und nicht zuhört, was der Werbefunk sagt,
der ihren Schlagworten misstraut.
Er wird sein wie ein Baum, gepflanzt an einer Quelle.

Psalm 22: treibhaus.at