Archiv der Kategorie: Leid

Gottesklage | Franz Schwald – Geschichten und Gedanken

Mein Gott, mein Gott! Mit diesem Klageruf habe ich schon oft in belastenden Situationen, in denen mich tiefe Not, Angst und Trauer erfüllte, um Hilfe gefleht. Es fällt ja manchmal schwer, das eigene Schicksal zu beklagen; vor allem in Situationen, in denen uns Gott ach so fern erscheint. Dann sind Texte der Heiligen Schrift, wie die Geschichte von Hiob, die Klagepsalmen bis hin zum Schrei Jesu „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen!“, ermutigend, den eigenen Kummer auszusprechen, und Gott im Hilfe zu bitten. Dürfen wir doch im Glauben gewiss sein, dass unser Vater im Himmel uns nicht verlässt, wenn Trauer, Enttäuschungen und Einsamkeit uns bedrücken. Umso schmerzlicher ist es, dass auch ich manchmal in Stunden tiefer Betroffenheit nicht wagte, Gott meine Not zu klagen. Die Texte der Bachkantate „Ich hatte viel Bekümmernis“, berührten mich sehr und halfen mir, das Schweigen zu brechen:

Viel zu selten gelang es, über meinen Kummer zu reden.

Quelle: Gottesklage | Franz Schwald – Geschichten und Gedanken

Gott verurteilen

Am Ende der Zeit versammelten sich Millionen von Menschen auf einer riesigen Ebene vor dem Thron Gottes. Viele von ihnen schauten ängstlich in das helle Licht, das ihnen entgegen strahlte. Aber es gab auch einige Gruppen von Menschen, die sich hitzig miteinander unterhielten. Die Umgebung schien sie nicht zu beeindrucken.
„Wie kann Gott über uns zu Gericht sitzen? Was versteht er schon von unserem Leiden?“, fauchte ein Mädchen und zeigte eine eintätowierte Nummer aus einem Konzentrationslager.
Aufgeregt rief ein farbiger junger Mann: „Gelyncht wurde ich nur darum, weil ich schwarz bin. In Sklavenschiffen hat man uns erstickt. Wie Tiere mussten wir arbeiten – bis uns der Tod die Freiheit schenkte.“
Überall auf der Ebene wurden jetzt die ärgerlichen Stimmen laut. Jeder richtete Klagen an Gott, weil er das Böse und das Leiden in der Welt zugelassen hatte. Wie gut hatte es doch Gott im Himmel, in all der Schönheit und Heiligkeit zu wohnen. Ja, konnte sich Gott überhaupt vorstellen, was der Mensch auf der Erde erdulden musste?
Es bildeten sich Gruppen, und jede wählte einen Sprecher. Immer war es derjenige, der am meisten gelitten hatte. Da war ein Jude, eine Schwarze, ein Inder, eine Uneheliche, ein Krebskranker, ein Opfer aus Hiroshima und jemand aus einem Lager in Sibirien. Sie alle waren sich darin einig, dass Gott, bevor er sie richten dürfte, selbst alle die Leiden erdulden sollte, die sie erduldet hatten. Ihr Urteil lautete:
Gott sollte dazu verurteilt werden, auf der Erde zu leben – als Mensch!
Aber da Gott ja Gott war, hatten sie bestimmte Bedingungen gestellt. Er sollte keine Möglichkeit haben, aufgrund seiner göttlichen Natur sich selbst zu helfen. Und dazu hatten sie sich folgendes ausgedacht:
Er sollte als Jude geboren werden. Die Legitimität seiner Geburt sollte zweifelhaft sein. Niemand sollte wissen, wer der Vater war. Er sollte versuchen, den Menschen zu erklären, wer Gott sei. Er sollte von seinen engsten Freunden verraten werden. Er sollte aufgrund falscher Anschuldigungen angeklagt werden, von einem voreingenommenen Gericht verhört und von einem feigen Richter verurteilt werden.
Schließlich sollte er selbst erfahren, was es heißt, völlig allein und verlassen von den Menschen zu sein. Er sollte gequält werden und dann sterben. Und das sollte in aller Öffentlichkeit geschehen und zwar so schrecklich, dass kein Zweifel daran bestehen konnte, dass er wirklich gestorben war. Dazu sollte es eine riesige Menge von Zeugen geben.
Während jeder Sprecher seinen Teil des Urteils verkündigte, erhob sich ein großes Raunen in der riesigen Menschenmenge und als der letzte gesprochen hatte, folgte ein langes Schweigen.
Alle, die Gott verurteilt hatten, gingen leise fort. Niemand wagte mehr zu sprechen, jeder war sich seiner Sünde bewusst. Denn plötzlich wussten es alle: Gott hatte die Strafe in der Gestalt Jesu schon auf sich genommen.
(unbekannte Autorin oder unbekannter Autor)

Unruhig ist mein Herz

FeuerherzIch liebe die Erkenntnis von Augustinus, weil sie sich mit meiner Erfahrung deckt: Unruhig ist mein Herz, bis es Ruhe findet in dir.
Martin Walser sagt im Interview: Viele Intellektuelle sind heute mehr oder weniger stolz darauf, dass sie Atheisten sind. Ich sage: Auch wenn es Gott nicht gibt, dann fehlt er mir. Deswegen könnte ich nie Atheist werden. Mir fehlt Gott. Es wäre toll, wenn es den gäbe!
Johann Philipp Neumann (1774-1849), ursprünglich Gymnasiallehrer, wurde später Professor der Physik am polytechnischen Institut in Wien und schrieb ein Gedicht, das ich gerne singe: Wohin soll ich mich wenden, wenn Gram und Schmerz mich drücken? Wem künd‘ ich mein Entzücken, wenn freudig pocht mein Herz? Zu dir, zu dir, o Vater, komm‘ ich in Freud‘ und Leiden, du sendest ja die Freuden, du heilest jeden Schmerz.

Gott wurde geschlagen. Gott ist auferstanden!

Jesus, bespuckt gegeißelt, ausgestoßen

Gott wird bespuckt, gegeißelt und ausgestoßen

Jesus zeigt sich in seinem Auftreten als Gott. Bei seiner Taufe, bei den Heilungen, bei der Verklärung. Trotzdem wird er geschlagen. Gott wird ausgelacht und verspottet. Gott bekommt eine Dornenkrone aufgesetzt. Gott wird verurteilt. Gott wird gegeißelt. Gott muss sein Kreuz tragen. Gott fällt unter dem Kreuz. Gott begegnet seiner irdischen Mutter. Simon von Cyrene hilft Gott das Kreuz tragen. Gott begegnet den weinenden Frauen. Gott wird seiner Kleider beraubt. Gott wird ans Kreuz geschlagen. Gott stirbt als Mensch am Kreuz. Gott wird vom Kreuz abgenommen und in den Schoß seiner irdischen Mutter gelegt. Der heilige Leichnam wird in das Grab gelegt.

Gott-Sohn im Brot und Wein

Gott-Sohn im Brot und Wein

Am dritten Tag steht Gott mit seinem menschlichen Leib auf. Das Grab ist leer. Gott kommt als Paradiesgärtner (wie zu Adam und Eva) zu Maria Magdalena. Gott erscheint den Jüngerinnen und Jüngern, bricht das Brot und isst mit ihnen Brot und Fisch. Gott ist auferstanden!
Die Royal Choral Society in England singt seit 1876 jeden Karfreitag Händels Messias in der Royal Albert Hall. Hier das Halleluja. Der Text: Halleluja! Denn Gott der Herr regieret allmächtig. Das Königreich der Welt ist fortan das Königreich des Herrn und seines Christ; und er regiert auf immer und ewig: Herr der Herrn, der Welten Gott. Halleluja!

Ein Lehrer in Ghana benutzte eine Tafel um Schülern das Wordprogramm zu lehren und wurde berühmt

Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz tragen. 5. Kreuzwegstation. Bild von Sieger Köder

Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz tragen. 5. Kreuzwegstation. Bild von Sieger Köder

Ich freue mich so für den Lehrer Akoto in Ghana: Der EDV-Lehrer hatte keine Computer für seine Schüler und zeichnete das Programm „Word“ an die Tafel. Eine Freundin machte das bekannt und es fanden sich Menschen, die seine Klassen mit Computern unterstützten Microsoft lud Richard Appiah Akoto zu einer Tagung für Digitale Bildung nach Singapur ein. Er nennt sich auf Facebook Owura Kwadwo Hottish, wo er ein Lied veröffentlichte: Singing Hallelujah, Amen, Amen. Jesus standing as the conquerer. … Saved by grace, not by might. … singing hallelujah, Amen, Amen.
Das Lied könnte am Palmsonntag gesungen werden, wenn Jesus unter Hosianna als Erlöser in Jerusalem und in die Kirche einzieht.
In der folgenden Passionsgeschichte gefällt mir, dass Simon von Cyrene dem Sohn Gottes half das Kreuz zu tragen. Wenn ich an die Leidenden in meiner Umgebung denke, dann gibt es einige, die solche Simon von Cyrene sind.

Warum habe gerade ich dieses Schicksal?

Ich betreue meinen Bruder, der primär progrediente multiple Sklerose hat. Als er noch gehen konnte spazierten wir im Garten der Rehabilitationsklinik und entdeckten eine Kapelle. Er fragte mich, warum gerade er diese schlimme Krankheit bekommen hat, bei der er in wenigen Jahren gelähmt sein wird. Ich sagte ihm, dass er ein Zeichen ist für die anderen Menschen, dass unsere wirkliche Heimat nicht auf der Erde, sondern bei Gott ist.
Als ich ihn heute besuchte erinnerte ich uns beide an diese Geschichte. Er kann mittlerweile nur mehr vier Worte sprechen und sich kaum mehr bewegen. Als ich ihm diese Geschichte erzählte, hellte sich sein Gesicht auf. Er wurde ganz ruhig und fing an vor sich hinzuträumen.

Die Grenzen der Naturwissenschaft

Hawkings_letzte_WorteDer Naturwissenschaftler Stephen Hawking sagte in seinem letzten Interview: „Versucht einen Sinn zu erkennen in dem, was ihr seht und fragt euch, was das Universum existieren lässt.“ Er glaubte, dass es ein Gesetz gibt, das aus der Schwerkraft das Universum entstehen lässt. Der Physiker Anton Zeilinger fragte daraufhin: „Wer hat das Gesetz erschaffen?“ Die Naturwissenschaft kann die Frage nach dem großen Sinnzusammenhang nicht beantworten. Gott kommt uns dabei entgegen. Die Menschwerdung Gottes hilft mir, in Beziehung zu dem großen Grund zu kommen und ihn mit „Du“ anzusprechen. Diese Augenblicke haben einen kleinen oder großen Vorgeschmack des Himmels in sich. Stephen Hawking wird in diesen Stunden „seinen“ Augenblick haben. Er wird vor seinem Schöpfer stehen und erkennen, wer das Universum existieren lässt und welchen Sinn das Ganze hat.
Jesus hatte vor dem Osterfest Augenblicke, in denen er sich ganz intensiv mit seinem Vater austauschte. Dies erlebte er so stark, dass es seine Seele erschütterte.

Jesus: Jetzt ist meine Seele erschüttert. Was soll ich sagen: Vater, rette mich aus dieser Stunde? Aber deshalb bin ich in diese Stunde gekommen. Vater, verherrliche deinen Namen! Da kam eine Stimme vom Himmel: Ich habe ihn schon verherrlicht und werde ihn wieder verherrlichen. Die Menge, die dabeistand und das hörte, sagte: Es hat gedonnert. Andere sagten: Ein Engel hat zu ihm geredet. Jesus antwortete und sagte: Nicht mir galt diese Stimme, sondern euch. Jetzt wird Gericht gehalten über diese Welt; jetzt wird der Herrscher dieser Welt hinausgeworfen werden. Und ich, wenn ich über die Erde erhöht bin, werde alle zu mir ziehen. Das sagte er, um anzudeuten, auf welche Weise er sterben werde. Joh 12,20-33