Archiv der Kategorie: Leben nach dem Tod

Sehnsucht nach mehr

Wenn ich andere Christinnen und Christen frage, was ist ihnen in unserer Religion wichtig, dann sagen sie: Jesus Geist lebt weiter. Es ist die Gewaltlosigkeit, das Verzeihen, die Nächstenliebe. Das ist wichtig. Einige sagen: An ein Leben nach dem Tod glaube ich nicht. Niemand ist zurückgekommen. Darauf sage ich: Ich glaube, dass einer aus dem Jenseits zurückgekommen ist. Jesus zeigt mir, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. Er zeigt mir, dass die Sehnsucht nach vollem Leben keine Illusion ist. Er zeigt mir, dass die Liebe den Tod überdauert. Er zeigt mir, dass Gerechtigkeit siegt. Er zeigt mir, dass mein Ich und mein Körper nicht ins Nichts fallen, sondern dass ich in meine Heimat komme, in das Haus „unseres Vaters“.
Johannes Hartl erklärt mir das in: „Himmel – Hoffnung oder Hirngespinst“.

Zeichen der Hoffnung

Ich freue mich, dass unser Haselnusszweig grüne Blätter bekommt. Für mich ist es ein Zeichen, dass sich die Schöpfung nicht unterkriegen lässt. Jetzt kommt die Sonne hervor und taucht die Welt in ein freundliches Licht. Die Briefträgerin bringt einen Brief eines alten Freundes. Ich zeige ihn fröhlich meiner Frau. Sollen alle diese schönen Dinge für immer vergehen?

Für mich sind es Zeichen, die auf eine begründete Hoffnung hinweisen, die wir zu Ostern feiern. Da stirbt der schreiende Mensch am Kreuz und wird in die Herrlichkeit auferweckt. Aber was ist mit uns anderen Menschen, die wir schreiend oder stumm sterben? Er sagt: „Ich ziehe euch zu mir in die Herrlichkeit.“ Das muss ich erst wirken lassen. Ja. Ich spüre dem nach. – Ich glaube ihm.

Christkönigsfest

Im brasilianischen Salvador staunte ich über die Basilika unseres Herrn zum guten Ende. Hier wird das gute Ende gefeiert. Noch mehr erstaunt war ich, dass die Hauptfigur in der Kirche den gekreuzigten Christus darstellt. An die Auferstehung erinnern die goldenen Engel, die ihn tragen. Ich finde, dass diese Zusammenschau von Kreuzigung und Auferstehung gut zum Fest Christkönig passt. Auch die Kronen am Kreuz zeigen das.

Der Christkönigsonntag ist das Ende des Kirchenjahres. Es ist ein Übergangsfest vom Tod zum Leben. Jesus und mit ihm Gott zeigt sich als wahrer König. In der NS-Zeit war vielen klar, dass er der wahre König war und nicht Hitler.

Wir leben mit Christus in der guten Messiaszeit, die ein gutes Ende hat, aber wann das gute Ende kommt, wissen wir nicht. Der Kampf gegen das Covid-Virus zeigt uns, dass es gewaltige Mächte gibt, die uns in unserer Bewegungsfreiheit stark einschränken. Da tut es gut, dass Gott sich als einer zeigt, der das Verletzte verbindet und das Kranke stärkt. Ezechiel ist ein Medium, durch das sich Gott wie ein guter Hirte vorstellt. Er holt die Verirrten und Zerstreuten und wird sie weiden. Wir sind durch das Virus in unseren Wohnungen und können uns nicht treffen. Aber das wird vorbeigehen und wir werden uns wieder treffen können. Gott hilft uns, dass wir diese Kontaktbeschränkung durchstehen und uns wieder voll sehen können, nicht nur telefonieren oder über Zoom kommunizieren.

(Wikipedia: Basilica Nosso Senhor do Bonfim)

Er reißt die Decke weg

Beim Begräbnisgottesdienst meiner Mutter sagte ich: Liebe Mutter Inge, du hast dich in die Hände des gütigen Gottes fallen lassen. Ich hoffe, du kommst auf der anderen Seite lebendig heraus und kannst über die Herrlichkeit Gottes nur staunen.
Jetzt überlege ich mir, was ich selbst erleben werde, wenn ich sterbe und auf die andere Seite komme. Kommt mir dann Gott in seiner Güte wirklich entgegen? Fängt er mich auf, macht er mich lebendig, kann ich über seine Herrlichkeit nur staunen? Es ist eine aufregende Sache. Ja, ich hoffe auf ihn.
Ich kann mir nicht vorstellen, was wäre, wenn ich ein Leben ohne Gott führe. Was wäre dann meine Hoffnung? Vielleicht würde ich einer von Menschen gemachten Ideologie anhängen, zynisch werden oder vor Angst krank werden.
Der Prophet Jesaja schreibt, dass Gott die Decke „verschlingt“, die über den Nationen liegt. Für mich besteht diese Decke aus falschen Ideologien und selbstgemachten Religionen. Diese „verschlingt“ Gott. Er hat einen guten Magen. Die Decke reißt er weg, damit wir ein Stück der Wahrheit erkennen. – Damit wir mit ihm ein Fest feiern können, mit den feinsten Speisen, ein Gelage mit erlesensten Weinen.

Gott baut uns einen Garten und zeigt uns die Wahrheit

Gott offenbart sich in der Geschichte der Menschheit und gibt ihr starke Impulse. Es ist wie in der Geschichte, in der ein Gutsbesitzer einen Weinberg anlegt, einen Zaun herumzieht, eine Kelter aushebt, einen Turm baut und ihn an Winzer, an Fachleute verpachtet. In der Erntezeit schickt er seine Knechte, um seine Früchte holen zu lassen. Die Winzer aber bringen die Boten um und auch seinen Sohn ermorden sie.

Übertragen auf Gott, seine Schöpfung und uns Menschen bedeutet das: Gott schuf für uns ein Universum und richtete einen Planeten für uns ein. Wir Menschen sind seine Fachleute für die Erde, die gut mit diesem Planeten umgehen können. Er gab uns die Möglichkeit, Krankheiten zu heilen, gesunde Nahrung zu essen und schenkte uns auch die Möglichkeit, nach dem Tod bei ihm lebendig zu sein. Als er aber Früchte wie Liebe und Güte von uns Menschen erwartete, wurden seine Boten umgebracht und als er selbst Mensch wurde, wurde auch er ermordet. Aber er wäre nicht Gott, wenn er nicht vom Grab auferstanden wäre und seinen Geist gesandt hätte. Wenn er als Mensch sagt: „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder oder Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan“, dann wird bei jedem Mord auch er umgebracht. Und er macht die Toten auf der anderen Seite lebendig. Ich habe den Eindruck, dass durch diese Identifikation vom lebensspendenden Gott mit den Opfern unsere Menschheitsgeschichte einen starken Dreh bekam: Liebe und Verzeihen statt Hass und Rache werden von Gott stark gemacht. Es ist, als baue er an seinem Garten der Liebe weiter – für uns.

Sie bleiben Freunde

Simon Petrus
6. Jh.
Katharinen
kloster
Sinai

Wenn ich das Gespräch zwischen Jesus und Petrus zum Sonntagsevangelium lese, bin ich irritiert. Es beginnt damit, dass Petrus Jesus zurechtweist, er soll nicht zu den Hohenpriestern nach Jerusalem gehen. Dort könnte es ihm schlecht gehen. Das solle Gott verhindern. Darauf antwortete Jesus ungewohnt scharf: Tritt hinter mich, du Satan! Denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.
Er weist Jesus zurecht
Petrus nimmt sich die Frechheit heraus, Jesus in seiner Messias-Aufgabe zu belehren: „Das soll Gott verhüten!“ Da ist es verständlich, dass Petrus in die Schranken gewiesen wird. Jesus sagt zu ihm: „Tritt hinter mich!“ Petrus soll ihm nachgehen (Mk 8,34; Joh 21,22) und ihn nicht zurechtweisen.
Jesus ärgert sich und es wirkt, als suche er gerade seine neue heilsgeschichtliche Aufgabe und kann noch keinen Widerspruch gebrauchen. Vielleicht hat er dem Petrus auch signalisiert, dass er seine Sorge versteht.
Der Vater der Lüge und der Mörder von Anfang an
Für mich ist interessant, dass im ursprünglichen Markusevangelium Jesus auf die Menge der Jünger schaut, als er „Du Satan“ sagt (Mk 8,33). Das zeigt mir, dass der Satan gar nicht nur in Petrus ist, sondern dass er in der Menge entstehen kann, in einer Menge, die jemanden aus der Gemeinschaft misshandelt und tötet.
Wir kennen das in Mobbingsituationen, wenn eine Gruppe einen ausschließt. Und wir kennen das, wenn die Menge brüllt: Ans Kreuz mit ihm! Wir kennen das, wenn eine Menge von Nationalsozialisten Juden verfolgt. Wir kennen das, wenn Polizisten auf Schwarze schießen. Der Satan ist, sagt Jesus, der Vater der Lüge und ein Mörder von Anfang an (Joh 8,44).
Zwei Rollen: persönliche Geschichte und Heilsgeschichte
Das Überraschende für mich ist, dass Jesus und Petrus Freunde bleiben, auch wenn Jesus ihm vorwirft, der Versucher zu sein. Es zeigen sich zwei Seiten. Auf heilsgeschichtlicher Seite muss Petrus den Willen Gottes im Sinn haben. Auf persönlicher Seite sind sie Freunde.
Beide haben sehr unterschiedliche heilsgeschichtliche Aufgaben: Petrus als Fels, auf dem Jesus seine Kirche baut und Jesus als heilender und mitleidender Menschen- und Gottessohn.
Wir haben eine heilsgeschichtliche Aufgabe
Auch wir Christinnen und Christen haben verschiedene Aufgaben. Einerseits sind wir Privatmenschen mit unseren Verwandten und Freunden, andererseits haben wir eine heilsgeschichtliche Aufgabe, Gottes Liebe erfahrbar zu machen. Manchmal können wir das verbinden. Auf jeden Fall hilft uns das Feuer des Heiligen Geistes.

Quellen:
Bibeltext: Matthäus 16, 21-27
Bibelwerk: Matthäus 16, 21-27
René Girard, Ich sah den Satan vom Himmel fallen wie einen Blitz, 2002
Willibald Sandler, Jesus Christus, Sieger über Teufel und Dämonen, 2009

Wir werden alle irgendwann sterben

Die Schutzmasken, das Händewaschen und das Abstandhalten helfen, dass weniger Menschen sterben und dass die Intensivmedizin nicht zusammenbricht.

Die Toten machen mich traurig. Sie zeigen mir, dass wir sterbliche Wesen sind. Ich weiß, dass auch ich am Ende sterben werde. Wenn ich dann auf mein Leben blicke, frage ich mich: Das soll es nun gewesen sein? Genau davon singt auch Wolf Biermann (Link): Das muss doch irgendwo hingehen. Da muss doch noch irgendwas kommen!
Ich frage mich: Was passiert uns nach dem Tod?

Ich mache die Erfahrung, dass es Augenblicke gibt, wo ich ganz sicher bin, dass es nach dem Tod ein wunderbares Leben bei Gott gibt. Diese Erfahrung ist ein guter Vorgeschmack darauf.

Gott beschützt uns und rettet uns

Im Evangelium vom nächsten Sonntag erzählt Jesus in zwei Gleichnissen, wie eine gute Gotteserfahrung möglich sein kann. Jesus ist die richtige Tür und Gott der gute Hirte. Da ist lebendiges Leben, nicht nur Überleben möglich.

Ostern: Jesus hat den Tod besiegt – Halleluja!

Unsere Hoffnung hat einen Grund
Der Stein ist weg, das Grab ist leer
Gott handelt
Tod, wo ist dein Stachel?

Hallelujah – Jesus ist auferstanden.
So dürfen wir in der Osternacht und am heutigen Ostersonntag jubeln. Wir wissen, was damals geschehen ist, glauben an die Auferstehung. Was für eine Herausforderung muss es für die Jünger Jesu gewesen sein?
Maria von Magdala kommt frühmorgens, es ist noch Nacht, zum Grab. Der Stein ist weg, das Grab ist leer. Verwirrt läuft sie zu den Jüngern, holt Petrus und Johannes. Sie untersuchen das Grab. Gegen einen Diebstahl des Leichnams sprechen die römischen Wachsoldaten und die ordentlich zusammengelegten Leinenbinden. Sie wissen noch nichts von der Auferstehung.
Was uns so selbstverständlich ist, der Glaube an die Auferstehung Jesu, muss in ihnen noch geweckt werden und wachsen. Petrus und Johannes kehren nach Hause zurück. Das leere Grab alleine reicht nicht. Es braucht die persönliche Begegnung mit dem auferstanden Herrn.
Maria von Magdala bleibt beim Grab. Ihr wird die erste Begegnung mit dem Auferstandenen geschenkt, sie ist die erste Zeugin.
Sie sieht Jesus hinter ihr stehen, ohne zu wissen, dass es Jesus ist, ohne ihn zu erkennen. Erst als er sie anspricht, beim Namen nennt, weiß sie, wer da vor ihr steht: Der Meister, der Herr. Von ihm wird sie zu den Aposteln gesandt. Sie ist die erste Zeugin, wird zur ersten Verkünderin der Frohen Botschaft: ich habe den Herrn gesehen – er lebt.
Michael Scharf

Rückblick auf den Karsamstag:
Haben wir eine begründete Hoffnung?
Die ganze Welt hält den Atem an
Karsamstag, der Tag der Grabesruhe. Ein stiller Tag, der an die Atempause zwischen zwei Atemzügen erinnert. Jesus Christus ist gekreuzigt und in das Grab gelegt. Nun herrscht gespannte Stille, Atemholen vor der Auferstehung.
Das Bild des Karsamstags passt gut in die jetzige Zeit. Die ganze Welt hält den Atem an, gespannt wartend ob es eine Auferstehung aus der Pandemie geben wird.
Als Christen dürfen wir aus der Hoffnung auf Auferstehung leben. Wir wissen, dass Jesus Christus den Tod besiegt hat, das Grab konnte ihn nicht festhalten.
Auch heuer feiern wir Osternacht, feiern Seine Auferstehung.
Wie schon gewohnt über die Videokonferenzplattform Zoom.
Ich wünsche Euch die Erfahrung Seiner Nähe, Seine Kraft und Seinen Segen.
Möget Ihr die Kraft der Auferstehung in Euch spüren und erfahren.
Ich wünsche Euch ein gesegnetes Osterfest.
Michael Scharf

Der Tod und die Ewigkeit in der Coronakrise

Raupe Kokon Schmetterling

Es gibt jetzt die Nachrichten, dass viele ältere Menschen mit Vorerkrankungen durch das Coronavirus sterben. Sterben und Tod kann Angst machen. Mit dem Sterben und dem Tod kann die Politik sinnvolle, aber auch unsinnige Maßnahmen durchsetzen. Panik ist aber kein guter Ratgeber.

Dazu passen die Texte des Mystikers, Priesters und Poeten Ernesto Cardenal, die ich wieder gelesen habe und mich überraschten, wie einfach er über den Tod und das Sterben spricht.

In seinem Buch von der Liebe spricht er über die Ewigkeit und darüber, dass es „den Tod nicht gibt“. Das kann uns helfen, Panik zu vermeiden und gelassener das Leben zu leben:

Der Tod existiert für uns nicht mehr

Der Tod existiert für uns nicht mehr. Unser Tod ist die Taufe, durch die wir am Tode Christi teilhaben, durch die wir in Christus sterben. Christus starb für uns und an unserer Statt, darum brauchen wir nicht mehr zu sterben. Der leibliche Tod ist nichts anderes als der Anfang des ewigen Lebens, die Bedingung für die Auferstehung. Wer getauft ist, hat den Tod schon überstanden. Der andere „Tod“ ist nicht mehr Tod, sondern das Zusammentreffen mit Christus.

Christus ist der „Erstgeborene unter den Toten“ wie Paulus sagt. Das heißt, Christus war der erste, der von den Toten auferstanden ist, der als erster aus dem Leib des Todes ins neue Leben hineingeboren wurde. Alle anderen folgen ihm später nach wie die weiteren Geschwister, die nach dem Erstgeborenen aus dem Mutterleib hervorgehen.

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Weiße Wand: Was fehlt, wenn das Kreuz fehlt?

Das Kreuz ist mehr als ein kulturelles Zeichen. Gedanken zur Verbannung religiöser Symbole aus dem öffentlichen Raum.

Jan-Heiner Tück, Universität Wien, schreibt in der „Presse“, was fehlt, wenn es kein Kreuz im öffentlichen Raum gibt (Auszug):

Soll das Kreuz hier zur Verteidigung des „christlichen Abendlands“ missbraucht und für eine bestimmte Identitätspolitik funktionalisiert werden? Das Kreuz sprengt diesen Rahmen. Es ist mehr als ein kulturelles Zeichen.

Das Kreuz ist Anstoß. Es macht sichtbar, was gern verdrängt wird. Es gibt das Leid, den Schmerz und den Tod. Die Erinnerung daran ist gerade in Spitälern hilfreich. Wie oft verschleiern Ärzte durch elaborierte Vokabulare ihren Patienten den wahren Zustand, weil sie meinen, dieser sei nicht zumutbar. Das Kreuz sagt: Wahrheit ist zumutbar. Statt sie in Zonen des Schweigens abzudrängen, muss sie ausgesprochen werden – schon um der Kranken willen.

Das Kreuz ist Spiegel. Es zeigt: Wir machen Fehler und brauchen Vergebung. Statt Vergeltung zu fordern, hat der Gekreuzigte seinen Peinigern verziehen. In einer Gesellschaft, in der alle perfekt sein wollen, ist das eine heilsame Provokation. Wir sind nicht perfekt. Aber wir verschleiern uns das – und sind Virtuosen darin, es nicht gewesen zu sein. Das läuft fast immer darauf hinaus, es andere gewesen sein zu lassen. Dieser Unschuldswahn ist pathologisch. Das Kreuz unterbricht ihn – und befähigt zu einer Kultur der Vergebung, die wir alle brauchen, um neu anfangen zu können.

Das Kreuz als Spiegel und Trost

Das Kreuz bietet Trost. Dafür haben wir fast die Sprache verloren. „Nur der leidende Gott kann helfen“, hat Dietrich Bonhoeffer geschrieben, bevor er hingerichtet wurde. Die Pointe christlicher Kreuzestheologie ist, dass sie Gott nicht nur in Kategorien der Stärke buchstabiert. Paradox gesprochen: Gott ist so stark, dass er auch schwach sein kann, er ist nicht apathisch, sondern hat sich in der Passion auf die Seite der Leidenden gestellt.

Das Kreuz ist Zeichen des Lebens. Auf die Nacht des Karfreitags folgt das Licht von Ostern – mit der Botschaft: Der Gekreuzigte lebt! Diese Hoffnung mag vielen unerschwinglich sein. Aber die Sehnsucht, dass unser Leben nicht im Abgrund des Nichts versinkt, sondern rettend aufbewahrt wird, bricht gerade in Grenzsituationen des Leidens auf. Das Kreuz sagt: Das Leben ist stärker als der Tod.

Diese Sinngehalte scheinen heute mehr und mehr zu verblassen. Das müsste den Kirchen einen Ruck geben. Alle, nicht nur Kleriker, auch bzw. vor allem Laien müssten unter der Asche der Gewohnheiten die Glut des Evangeliums neu entdecken. Soll das, was Generationen Orientierung im Leben und Sterben gegeben hat, heute etwa nichts mehr bedeuten?

Dabei ist nicht zu vergessen, dass die Kirche selbst Anteil am Plausibilitätsverlust des Glaubens hat. Immer wieder in der Geschichte hat sie das Kreuz als Herrschaftssymbol missbraucht. Eine aufgeklärte christliche Religionskultur weiß darum. Sie wird schon deshalb jeden Triumphalismus vermeiden, gerade im Gespräch mit Juden, Muslimen und Agnostikern.

Leben ist stärker als der Tod

Allerdings ist der Dienst an den Kranken selbst aus einer Kultur der Barmherzigkeit erwachsen, die dem Evangelium Entscheidendes verdankt. Das hat um 1900 ein agnostischer Intellektueller klar gesehen, der protestierte, als der liberale Säkularismus die Kreuze aus den Spitälern Uruguays entfernen wollte.

José Enrique Rodó (1871–1917) hatte ein waches Gespür dafür, dass etwas fehlt, wenn das Kreuz fehlt. Neben abstrakten Ideen, in denen sich eine Moral ausdrückt, brauche es sprechende Symbole, um eine Passion für moralische Wahrheiten freizusetzen. Im Kreuz sah er ein Modell für Mitleid und Hingabe, das auch Anders- und Nichtgläubigen etwas sagen kann.

Das Kreuz bietet Trost. Dafür haben wir fast die Sprache verloren. „Nur der leidende Gott kann helfen“, hat Dietrich Bonhoeffer geschrieben, bevor er hingerichtet wurde. Die Pointe christlicher Kreuzestheologie ist, dass sie Gott nicht nur in Kategorien der Stärke buchstabiert. Paradox gesprochen: Gott ist so stark, dass er auch schwach sein kann, er ist nicht apathisch, sondern hat sich in der Passion auf die Seite der Leidenden gestellt.

Das Kreuz ist Zeichen des Lebens. Auf die Nacht des Karfreitags folgt das Licht von Ostern – mit der Botschaft: Der Gekreuzigte lebt! Diese Hoffnung mag vielen unerschwinglich sein. Aber die Sehnsucht, dass unser Leben nicht im Abgrund des Nichts versinkt, sondern rettend aufbewahrt wird, bricht gerade in Grenzsituationen des Leidens auf. Das Kreuz sagt: Das Leben ist stärker als der Tod.

Mehr zu lesen: Weiße Wand: Was fehlt, wenn das Kreuz fehlt?
Jan-Heiner Tück, 25.02.2020, Die Presse