Archiv der Kategorie: Gottes Handeln

Er freute sich

Die Nobelpreisträgerin Nelly Sachs beeindruckt mich. Sie schreibt: „Wenn die Propheten einbrächen. Ohr der Menschheit, du nesselverwachsenes, würdest du hören?“ Ich frage mich: Wenn Gott zu uns kommt: Würden wir ihn hören?

Die Zachäusgeschichte ist eine meiner Lieblingsgeschichten. Dieser Zachäus ist ein zögerlicher und reicher Mann, der auf einen Baum klettert, um Jesus zu sehen. Er hört den Zuruf Jesus. „Zachäus, komm schnell herunter! Ich muss heute in deinem Haus bleiben.“ Die Begegnung mit Gott kann vieles lösen. Hier kommt Gott in der Figur des Jesus zu einem Mann, der mit den unreinen Römern zusammenarbeitet und für die Juden unrein ist. Zachäus muss aber sich und sein Haus nicht reinigen, damit der Sohn Gottes eintritt. Jesus sprengt den Rahmen der Gesetze von Unreinheit und Reinheit und ermöglicht Lösungen und Heilungen. Zachäus freute sich.
Ich denke, die Propheten sind bei Nelly Sachs Figuren der Transzendenz, Figuren für Gott. Wir alle haben relativ fixe Annahmen über die Wirklichkeit. Wenn Gott aber in unser Leben einbricht, dann werden unsere Annahmen über die Welt gesprengt, dann sind Lösungen und Heilungen möglich. Dann kann ich auch ein einfaches Leben führen. Ich erfahre, dass er da ist und uns treu bleibt.
Der Text zu Zachäus Lukas 19.
Nelly Sachs Wenn die Propheten einbrächen

Das Herz weit machen

Es ist schon eine eigenartige Welt. Da gibt es Menschen, die Kriege führen und das Klima zerstören, aber zur gleichen Zeit gibt es Menschen, die lieben andere, pflegen Kranke, trösten Trauernde, verzeihen einander, beschützen die Natur und sehnen sich nach Gerechtigkeit und Frieden. Es gibt verschlossene Herzen und es gibt offene Herzen. .
Ich habe von einem meiner Söhne das Meditationsbuch von Bernhard von Clairvaux „Das Herz weit machen“ geschenkt bekommen. Bernhard beginnt mit dem Satz: Hört die innere Stimme; seid bestrebt, mehr von innen heraus die Stimme Gottes als von außen die Stimme eines Menschen zu vernehmen.
Bernhard erkennt, dass die Stimme Gottes ganz stark ist und es eine Anstrengung braucht, sie nicht zu hören.
Wenn ich seine Stimme in mir zulasse, ändert sich vieles. Ich kann zu seinem Willen „Ja“ sagen. Dann kann es passieren, dass sich ein Handlungsspielraum für ihn eröffnet. Wir können, so glaube ich, Gottesmedien werden, durch die Gott bemerkt oder unbemerkt wirken, lieben und handeln kann.

Umkehr der Herzen

Der Priester und Moraltheologe Michael Rosenberger, Professor für Moraltheologie an der Katholischen Privatuniversität Linz, forscht intensiv auf dem Gebiet Schöpfungsspiritualität. In seinem Vortrag am „Inspirationstag Laudato Si'“ (St. Florian, Wien) sprach er über die notwendig gewordene Umkehr unseres ökonomischen und ökologischen Lebensstiles. Hier ist seine berührende Rede zum Umkehr unserer Herzen.

(Bild: Bernhard von Clairvaux, Abtei von Fontenay)

Kann ich Gott vertrauen?

Ich staune über jenen Menschen, der so stark in Gott verwurzelt war, dass er sagen konnte: „Mit meinem Gott überspringe ich Mauern“ (Psalm 18,30b). Ich würde diesen starken Glauben gerne selbst haben.
Im Nachhinein bin ich Gott für vieles dankbar. Dass ich noch immer lebe, dass wir in der Familie gesund sind, dass wir uns verstehen, dass wir genug zum Leben haben, dass ich Freunde habe, dass ich in einer Gottesdienstgemeinde bin. Ich glaube, dass Gott mich immer wieder beschenkt hat und durch Schwierigkeiten hindurchgeführt hat. Ich vertraue ihm, dass er seine beschützende Hand über uns weiter hält. Ich vertraue ihm.

Gott stürzt die Mächtigen vom Thron

Putin kündigt eine Generalmobilmachung in Russland an, um den Krieg in der Ukraine fortsetzen zu können. Der deutsche Kanzler spricht von russischem Imperialismus. Mir fällt dazu das Gebet einer jungen Frau ein, die betete: „Meine Seele preist die Größe des Herrn und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter. Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen.“ (Lukas 1,46.52) In der Geschichte sind schon viele Diktatoren gestürzt worden und die Niedrigen wurden erhöht. Wenn nicht auf Erden, dann im Himmel, so glaube ich.
Einige sind überrascht, wenn ich von meinem Glauben erzähle, dass alle Menschen nach dem Tod zu Gott kommen. Ich habe mit jemandem gesprochen, der mich ungläubig anschaute und fragte: Auch die, die nicht an Gott glauben?
Ich habe den Eindruck, dass einige vermuten, dass nach dem Tod nur jene zu Gott kommen, die auch an ihn glauben. Die anderen existieren dann eben nicht mehr. Ich hingegen glaube, dass auch die Ungläubigen zu Gott kommen.
Einige sagen auch: „Man weiß es nicht.“ – Ja, es ist ein Glaube, ein Vertrauen.
Ich werde dann mit der Meinung konfrontiert: „Es ist ja noch niemand zurückgekommen.“ – Ja, es ist noch niemand so zurückgekommen, dass man es beweisen könnte. Aber Jesus ist nach seinem Tod zurückgekommen und den vielen Jüngerinnen und Jüngern erschienen, so glaube ich. Dieser Glaube wirkt in der Geschichte, sodass Mächtige vom Thron stürzen und Niedrige erhöht werden.

Besser leben: Standbein und Spielbein

Beim Tanzen habe ich den Unterschied zwischen Standbein und Spielbein gelernt. Auch beim einfachen Gehen wechseln wir zwischen Standbein und Spielbein. Das Standbein bleibt beim Schritt mit dem Boden verbunden, während das Spielbein den Boden verlässt, das Knie leicht knickt und sich vom Boden hebt.

In meinem Leben ist die Beziehung zu Gott das Standbein und die Arbeit und das Handeln das Spielbein. Dadurch hoffe ich fest in Gott zu stehen und die Bewegung wird zum lockeren Gestalten der Welt. Wenn wir uns weiterbewegen, wird das Spielbein zum Standbein und das Standbein wird zum Spielbein. Das zeigt mir, dass die Beziehung zu Gott immer neu passiert. Es zeigt aber auch, dass ich alle Bilder, die ich von Gott habe, fahren lassen muss. Es bleibt allein die Beziehung und das Du. Und da kann es passieren: Er ereignet sich, handelt unvorhergesehen, überraschend. Alles wird neu.

Das Leben gewinnen

Ein Freund meinte: „Die Erde kreist um die Sonne, die größer ist und wir Menschen sollten um Gott kreisen, der auch größer ist.“ Er meinte, dass einige um sich selbst kreisen und deshalb einen harten Ungeist entwickeln. Wenn sie hingegen um Gott kreisen, dann löse sich das Harte und Verkrampfte. Ich kenne Menschen, die um eine schlimme Ideologie oder um ein Suchtmittel kreisen. Eine Frau erzählte mir, dass für ihren Mann die Arbeit sehr wichtig war und er jetzt in der Pension dem Alkohol verfallen ist. Seine Gedanken kreisen um diesen seinen Gott und er ist nicht einsichtig, dass er krank und mit dem Alkohol verheiratet ist. Seine Frau kann nur mehr die Scheidung einreichen. Ich denke, ich werde mich öfters fragen müssen, worum ich kreise. Manches kann ich aufgeben. So wie es Jesus lebte, der das eigene Leben hingegeben hat und das große gemeinsame Leben gewann.

Es beginnt etwas Neues

Ich bin nicht ohnmächtig. Ich kann den Flüchtlingen helfen. Ich kann meine Stimme gegen Putin erheben. So ohnmächtig bin ich nicht. Ich sehe, dass der Krieg bis zum Äußersten geht, und der Aggressor schreckt vor nichts zurück. Ich kann mit anderen gemeinsam die Ukraine in ihrem Widerstand gegen den Diktator unterstützen und den Flüchtlingen kann ich in Pressbaum helfen.

Daneben schreie ich zu Gott. Ich tu beides: Flüchtlingen helfen und zu Gott klagen, die Ukraine unterstützen und Gott rufen. Ich glaube, Gott bereitet etwas Neues vor. Auch wenn wir es nicht sofort erfahren. Es kündigt sich schon an. Je schlimmer es wird, umso eher kommt Rettung. Je näher wir Gott kommen, desto tieferen und innigeren Zugang gewinnen wir. Wo Gefahr ist, wächst das Rettende.

Wir hören es am Sonntag in den Lesungen: Je näher die Ehebrecherin Jesus kommt, desto sicherer ist ihre Rettung vor den Steinen der Männer. Je inniger die Klage der Flüchtlinge im babylonischen Exil, umso sicherer ist ihre Befreiung. Je stärker wir uns mit Jesus verbinden, umso sicherer ist unsere Auferstehung von den Toten.

Es bedeutet für mich, dass Gott meinen gebeugten Rücken aufrichtet und mir Räume der Freiheit und der Freundschaft eröffnet. Dafür preise ich ihn.

In meiner Not rief ich zu dir

David von Michelangelo, 1504, Florenz

Der kleine Hirtenjunge David kämpfte gegen den großen Goliat und dankte Gott für seinen Beistand. Ihm wird ein Lied zugesprochen, dessen Text viele jetzt beten. Auch deshalb, weil die tapferen Menschen in der Ukraine und die vielen Kriegsflüchtlinge in einer ähnlichen Situation wie David sind:

Mich umfingen die Fesseln des Todes und die Fluten des Verderbens erschreckten mich. In meiner Not rief ich zu dir und du hörtest meine Stimme, mein Hilfeschrei drang an deine Ohren. Da wankte und schwankte die Erde, die Grundfesten der Berge erbebten. Du griffst aus der Höhe herab und fasstest mich. Du entrisst mich meinen mächtigen Feinden und meinen Hassern. Du führtest mich hinaus ins Weite, befreitest mich, denn du hattest an mir Gefallen gefunden. Ich lobe dich. Ich will dich lieben, Herr, meine Stärke, du mein Fels, meine Burg und mein Retter.

Du rettest uns, dein elendes Volk. Du lässt unser Licht erstrahlen, du machst unsere Finsternis hell. Mit dir überspringen wir Mauern. Wer ist unser Fels, wenn nicht du, unser Gott? Du hast uns mit Kraft umgürtet. Du lehrtest unsere Hände zu kämpfen. Deine Zuneigung machte uns groß. Du hast in die Knie gezwungen, die gegen uns aufstehn. Du rettest uns vor den zornigen Feinden. Darum will ich dir danken, Herr, inmitten der Nationen. Ich will dich laut besingen. (Nach Psalm 18, gekürzt)

Heruntersteigen, heilen und zusagen

Das Handeln Jesu wird auseinandergerissen. Lukas erzählt, wie Jesus vom Berg heruntersteigt, heilt und den Armen Gott zusagt. Zwischen dem Heruntersteigen vom Berg und der Zusage, den sogenannten Seligpreisungen, wird im Gottesdienst das Heilen ausgelassen. Aber heruntersteigen, heilen und seligpreisen gehören zusammen.

Seligpreisen ist das Zusagen, dass Gott mit dir ist. „Du bist selig“ heißt „Gott ist ganz nahe bei dir“. Ich hoffe, dass durch diese Zusage die Armen aufgerichtet und die Kranken früher gesund werden. Jesus macht drei Schritte. Er steigt vom Berg herunter, heilt Kranke und sagt den Kranken, den Verfolgten und den Armen die Nähe Gottes zu. Auch nach der Verklärung am Berg Tabor steigt er vom Berg herunter und heilt.

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Gebrochene Herzen heilen

Christl hat uns letzten Sonntag durch die Kirche zum Hochaltar geführt. Sie zeigte über uns das Fenster, in der der Heilige Geist in Form einer Taube dargestellt ist, und stimmte ein selbstkomponiertes Lied an: „Heiliger Geist, erfülle uns, komm in unser Denken, unser Herz, unser Tun.“ Ich war sprachlos.

Der Geist Gottes soll zu uns in unser Herz kommen. Das macht ihn zu unserem Freund. Er soll auch in unser Tun und Denken kommen. Da leitet er uns an wie die Menschen der Bibel: Lukas untersucht sorgfältig alles, was sich unter ihnen ereignet und „erfüllt“ hat und hört auf die Augenzeugen.

Jesus bezieht den Bibeltext Jesaja 61,1-2 auf sich, dass der Geist Gottes auf ihm ruht und dass er den Armen nicht nur eine gute Nachricht bringt, sondern dass er heilend wirkt, die Trauernden tröstet, die gebrochenen Herzen heilt, die Zerschlagenen in Freiheit setzt. Nun, das wäre doch ein Abenteuer, wenn der Geist Gottes nicht nur auf Jesus ruht, sondern auch auf uns und wir mit ihm die Trauernden trösten, die Ängstlichen bestärken, die Einsamen besuchen und die gebrochenen Herzen heilen.