Archiv der Kategorie: Gottes Handeln

Das Leben gewinnen

Ein Freund meinte: „Die Erde kreist um die Sonne, die größer ist und wir Menschen sollten um Gott kreisen, der auch größer ist.“ Er meinte, dass einige um sich selbst kreisen und deshalb einen harten Ungeist entwickeln. Wenn sie hingegen um Gott kreisen, dann löse sich das Harte und Verkrampfte. Ich kenne Menschen, die um eine schlimme Ideologie oder um ein Suchtmittel kreisen. Eine Frau erzählte mir, dass für ihren Mann die Arbeit sehr wichtig war und er jetzt in der Pension dem Alkohol verfallen ist. Seine Gedanken kreisen um diesen seinen Gott und er ist nicht einsichtig, dass er krank und mit dem Alkohol verheiratet ist. Seine Frau kann nur mehr die Scheidung einreichen. Ich denke, ich werde mich öfters fragen müssen, worum ich kreise. Manches kann ich aufgeben. So wie es Jesus lebte, der das eigene Leben hingegeben hat und das große gemeinsame Leben gewann.

Es beginnt etwas Neues

Ich bin nicht ohnmächtig. Ich kann den Flüchtlingen helfen. Ich kann meine Stimme gegen Putin erheben. So ohnmächtig bin ich nicht. Ich sehe, dass der Krieg bis zum Äußersten geht, und der Aggressor schreckt vor nichts zurück. Ich kann mit anderen gemeinsam die Ukraine in ihrem Widerstand gegen den Diktator unterstützen und den Flüchtlingen kann ich in Pressbaum helfen.

Daneben schreie ich zu Gott. Ich tu beides: Flüchtlingen helfen und zu Gott klagen, die Ukraine unterstützen und Gott rufen. Ich glaube, Gott bereitet etwas Neues vor. Auch wenn wir es nicht sofort erfahren. Es kündigt sich schon an. Je schlimmer es wird, umso eher kommt Rettung. Je näher wir Gott kommen, desto tieferen und innigeren Zugang gewinnen wir. Wo Gefahr ist, wächst das Rettende.

Wir hören es am Sonntag in den Lesungen: Je näher die Ehebrecherin Jesus kommt, desto sicherer ist ihre Rettung vor den Steinen der Männer. Je inniger die Klage der Flüchtlinge im babylonischen Exil, umso sicherer ist ihre Befreiung. Je stärker wir uns mit Jesus verbinden, umso sicherer ist unsere Auferstehung von den Toten.

Es bedeutet für mich, dass Gott meinen gebeugten Rücken aufrichtet und mir Räume der Freiheit und der Freundschaft eröffnet. Dafür preise ich ihn.

In meiner Not rief ich zu dir

David von Michelangelo, 1504, Florenz

Der kleine Hirtenjunge David kämpfte gegen den großen Goliat und dankte Gott für seinen Beistand. Ihm wird ein Lied zugesprochen, dessen Text viele jetzt beten. Auch deshalb, weil die tapferen Menschen in der Ukraine und die vielen Kriegsflüchtlinge in einer ähnlichen Situation wie David sind:

Mich umfingen die Fesseln des Todes und die Fluten des Verderbens erschreckten mich. In meiner Not rief ich zu dir und du hörtest meine Stimme, mein Hilfeschrei drang an deine Ohren. Da wankte und schwankte die Erde, die Grundfesten der Berge erbebten. Du griffst aus der Höhe herab und fasstest mich. Du entrisst mich meinen mächtigen Feinden und meinen Hassern. Du führtest mich hinaus ins Weite, befreitest mich, denn du hattest an mir Gefallen gefunden. Ich lobe dich. Ich will dich lieben, Herr, meine Stärke, du mein Fels, meine Burg und mein Retter.

Du rettest uns, dein elendes Volk. Du lässt unser Licht erstrahlen, du machst unsere Finsternis hell. Mit dir überspringen wir Mauern. Wer ist unser Fels, wenn nicht du, unser Gott? Du hast uns mit Kraft umgürtet. Du lehrtest unsere Hände zu kämpfen. Deine Zuneigung machte uns groß. Du hast in die Knie gezwungen, die gegen uns aufstehn. Du rettest uns vor den zornigen Feinden. Darum will ich dir danken, Herr, inmitten der Nationen. Ich will dich laut besingen. (Nach Psalm 18, gekürzt)

Heruntersteigen, heilen und zusagen

Das Handeln Jesu wird auseinandergerissen. Lukas erzählt, wie Jesus vom Berg heruntersteigt, heilt und den Armen Gott zusagt. Zwischen dem Heruntersteigen vom Berg und der Zusage, den sogenannten Seligpreisungen, wird im Gottesdienst das Heilen ausgelassen. Aber heruntersteigen, heilen und seligpreisen gehören zusammen.

Seligpreisen ist das Zusagen, dass Gott mit dir ist. „Du bist selig“ heißt „Gott ist ganz nahe bei dir“. Ich hoffe, dass durch diese Zusage die Armen aufgerichtet und die Kranken früher gesund werden. Jesus macht drei Schritte. Er steigt vom Berg herunter, heilt Kranke und sagt den Kranken, den Verfolgten und den Armen die Nähe Gottes zu. Auch nach der Verklärung am Berg Tabor steigt er vom Berg herunter und heilt.

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Gebrochene Herzen heilen

Christl hat uns letzten Sonntag durch die Kirche zum Hochaltar geführt. Sie zeigte über uns das Fenster, in der der Heilige Geist in Form einer Taube dargestellt ist, und stimmte ein selbstkomponiertes Lied an: „Heiliger Geist, erfülle uns, komm in unser Denken, unser Herz, unser Tun.“ Ich war sprachlos.

Der Geist Gottes soll zu uns in unser Herz kommen. Das macht ihn zu unserem Freund. Er soll auch in unser Tun und Denken kommen. Da leitet er uns an wie die Menschen der Bibel: Lukas untersucht sorgfältig alles, was sich unter ihnen ereignet und „erfüllt“ hat und hört auf die Augenzeugen.

Jesus bezieht den Bibeltext Jesaja 61,1-2 auf sich, dass der Geist Gottes auf ihm ruht und dass er den Armen nicht nur eine gute Nachricht bringt, sondern dass er heilend wirkt, die Trauernden tröstet, die gebrochenen Herzen heilt, die Zerschlagenen in Freiheit setzt. Nun, das wäre doch ein Abenteuer, wenn der Geist Gottes nicht nur auf Jesus ruht, sondern auch auf uns und wir mit ihm die Trauernden trösten, die Ängstlichen bestärken, die Einsamen besuchen und die gebrochenen Herzen heilen.

Taufe Jesu: Baden für den Frieden?

Viele Menschen baden gerne. Ich auch. hinein ins Wasser, auch wenn es ein wenig kalt ist. Der Körper gewöhnt sich daran. Jesus tauchte im Jordanwasser unter. Das Wort Taufe bedeutet untertauchen. Das Wasser des Jordans ist etwas Besonderes. Ich habe eine kleine Flasche noch immer aufbewahrt. Auch von Freunden habe ich eine Flasche Jordanwasser bekommen. Viel verwenden es für die Taufe. Durch den Jordan ist das Volk Israel in das gelobte Land eingezogen. Auch wurde der leprakranke Naaman durch Untertauchen im Jordan geheilt. Durch die Taufe bekommen wir den Heiligen Geist, der uns in die Hintergründe Gottes einführt. Da erkennen wir, dass Jesus auch Gott ist. Daher könnte man sagen: Gott lässt sich von Johannes im Jordan taufen. Wobei wir nicht lesen, dass er das für sich tut, sondern für uns. Gott zeigt sich uns im Fluss. Er zeigt sich im Fluss der Geschichte. Gott zeigt sich in der Menschheitsgeschichte. Er taucht in die Menschheitsgeschichte ein. Er taucht auch in unsere persönliche Biographie ein. Wir bilden, wenn wir in seinem Geist leben, seinen Körper. Wir wirken damit in der Friedensgeschichte mit. Wir können ihn in unserer Geschichte erkennen. Einige von uns erkennen ihn im Untergang des Faschismus und des Nationalsozialismus, im Fall der Mauer, im Untergang des Stalinismus, in den Friedenszeiten, in der Aussöhnung in Europa, sogar in der Aussöhnung im Nahen Osten. Das alles geschieht durch das Eintauchen Gottes in die Geschichte.

Hat mich jemand lieb?

Eine der wichtigsten Erfahrungen eines Menschen ist es, geliebt zu werden. „Es ist schön, dass es dich gibt.“ Eine andere Erfahrung ist es, sich auf einen Menschen verlassen zu können. „Ich kann dir vertrauen, dass du mir in der Not hilfst.“ Ähnlich ist es in meiner Beziehung zu Gott. Wenn ich zu ihm sage: Ich vertraue dir, dass du bei mir bist. Du hast im brennenden Dornbusch zu Moses gesagt: „Ich bin mit dir.“ Und dann hast du mit ihm das Volk aus Ägypten geführt. – Dann kann sich die Treue Gottes bei mir bewahrheiten. Ich kann bemerken, dass er mich aufrichtet, dass er mir einen Weg zeigt, mich heilt und dass er mich von üblen Ketten befreit. Es bewahrheitet sich seine Nähe und Zuwendung.

Kann Distanz Sünde sein? Gott überwindet die Distanz zur Welt

Wenn ich in der Messe höre, dass Jesus die Sünde überwunden hat, dann ärgere ich mich. Ich frage mich, was wohl damit gemeint ist. Ich höre: „Er hat die Sünde der Welt hinweggenommen.“ Aber was, um Himmels willen, bedeutet das? Was ist weg, wenn er stirbt? Er ist doch selbst weg! Der Heilige Geist ist dafür gekommen.

Inwiefern damit die Sünde weg ist, ist völlig unklar.

Es gibt nach der Tradition zwei Bedeutungen der Sünde.

  • Das eine ist die Sünde der Welt. Dafür sind wir persönlich nicht schuldig geworden.
  • Dann gibt es die persönliche Sünde. Dafür bin ich schuldig geworden. Das kann ich in der Beichte oder im Bußakt am Anfang der Messe wegbekommen, wenn ich bereue.

Wenn es heißt, dass Jesus gestorben ist, um die Welt von der Sünde zu reinigen, sind damit nicht die persönlichen, individuellen Sünden gemeint, sondern die Sünde der Welt.

Das Wort Sünde kommt von Absonderung oder „Sich Absondern“. Wenn ich jetzt noch erklären will, was Sünde der Welt bedeutet, dann kann ich nur sagen: Es ist die Beziehungslosigkeit der Welt zu Gott.

In der Beziehung zu Gott wäre das: Absonderung von Gott, sich distanzieren von Gott, Distanz zu Gott, Gottesferne, von Gott weggehen, Gott ausgrenzen, sich von Gott ausgrenzen, Gott vergessen, Gott ignorieren, Gott nicht kennen wollen und Gott verachten.

Das Gegenteil wäre: Gottes Nähe suchen, Gott nachgehen, Gott begegnen, Gott lieben, mit Gott kooperieren, zu Gott kommen, sich an Gott erinnern, Gott kennen wollen, Gott annehmen, Gott beachten.

Die Sache von Gottes Seite wäre: Gott kommt uns nahe, Gott geht uns nach, Gott begegnet uns, Gott liebt uns, Gott kooperiert mit uns, Gott kommt zu uns, Gott erinnert sich an uns, Gott erkennt uns, Gott nimmt uns an, Gott beachtet uns.

Ich fordere dazu auf, die Texte der Liturgie genauer zu schreiben. Jesus hat nicht die Sünde überwunden, sondern die Distanz zu uns überwunden. Er hat nicht die Sünde weggenommen, sondern die Gottesferne hinweggenommen.

Durch seine Menschwerdung kommt er den Menschen nahe. Durch sein Leben und Sterben offenbart er, wer Gott ist und nimmt die Absonderung der Welt weg.

Ich glaube, dass die Gegenwart Gottes nach seinem Tod bei uns bleibt. Jesus geht zu seinem Vater und schenkt uns den Heiligen Geist, der in dieser Art Gottes Nähe, Gottes Gegenwart und Gottes Liebe darstellt.

Der Heilige Geist erlöst uns von der Gottlosigkeit, überwindet die Distanz und ist uns sehr nahe. Halleluja!

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Der zweite Begleiter auf dem Weg nach Emmaus

Die Emmausgeschichte erzählt die Erfahrung zweier Jünger, einer hieß Kleopas, nach dem Tod Jesu. Sie gehen enttäuscht nach Hause und erkennen ihn nicht, als er sich zu ihnen gesellt. Er begleitet sie auf ihrem Weg und kann ihnen einiges erklären.

Die Szene ist beeindruckend. Traurige Jünger gehen nach Hause, dann kommt Jesus. Sie erkennen ihn nicht. Er aber setzt ihre Herzen in Flammen. Wie gelingt ihm das als Gestorbener? Ich sage: Er hat seit Beginn einen Begleiter. Es ist der Heilige Geist, der ihn seit seiner Zeugung begleitete, auch bei seinen Heilungen, bei seinen Predigten, bei seinem Leiden, bei seiner Auferstehung und bei seinen Erscheinungen wie hier auf dem Weg nach Emmaus. Der Geist gibt ihm die Ausrichtung zum Vater und die Liebe zu den Menschen, hier die Liebe zu Kleopas und seinem Freund. Zuerst kritisiert er ihr träges Herz. Es sollte aktiv sein, damit es sich entzündet. Sie sollen die Bücher der Propheten lesen. Da kommt ihnen Gott entgegen. Ihre Herzen können sich nur an Gott entzünden, der aus dem brennenden Dornbusch spricht und der zu Pfingsten den Heiligen Geist mit Feuerzungen auf die Jünger herabfallen lässt. Gott ist damit ähnlich einer brennenden Liebesflamme, an der sich ihr Herz entzündet. Die Szene ist vom Geist geprägt, mit dem der Auferstandene begleitet, erklärt und Beziehung aufbaut. In dieser Beziehung kann er ihr Herz entflammen.

Die zweite Szene ist wie bei der Eucharistie, die mit der Herabrufung des Heiligen Geistes auf Brot und Wein beginnt. Nachdem es Abend geworden war, drängten sie ihn und sagten: Bleibe bei uns; denn es wird Abend, der Tag hat sich schon geneigt! Da ging er mit hinein, um bei ihnen zu bleiben. Und es geschah, als er mit ihnen bei Tisch war, nahm er das Brot, sprach den Lobpreis, brach es und gab es ihnen. Da wurden ihre Augen aufgetan und sie erkannten ihn; und er entschwand ihren Blicken. Auch hier hat er mit dem Heiligen Geist seine Liebe zu den beiden Jüngern gezeigt und war einverstanden, in ihr Haus zu gehen. Dass nicht der Hausherr, eventuell Kleopas, den Lobpreis sprach, sondern dass der Auferstandene das Brot nahm, den Lobpreis sprach, es brach und ihnen gab, war ungewöhnlich. Er war plötzlich der Hausherr und das war er, weil ihm dazu der Heilige Geist den Raum gab. Aber kaum hatte er ihnen das Brot gegeben, entschwand er ihren Blicken und mit ihm der Raum des Geistes. Beim Geben des Brotes erkannten sie ihn. Es ist sein Auftrag, für andere da zu sein und Brot für sie zu sein. Den Raum dazu schafft der Heilige Geist.

Gott lässt sich nicht aufhalten

Gott lässt sich nicht verbieten, auch ein Gebet im öffentlichen Raum lässt sich nicht verbieten. Religion ist unterdrückbar, aber Menschen mit Gott lassen sich nicht unterdrücken. Gott ist wie ein Ball, den ich unter Wasser halte. Wenn ich mich bewege, rutscht er nach oben. Gottes Kommen überrascht uns alle. Er kommt auf seine Weise.
Vor zwei Sachen möchte ich mich hüten: Ich möchte Gott nicht für meine Zwecke benutzen und ich möchte mich nicht an seine Stelle setzen. Denn je mehr ich forsche umso mehr weiß ich, dass ich nichts weiß.
Ich bitte: Gott gebe mir Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann; den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann; und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.