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Warum gibt es familiäre Gewalt? Einige kulturelle Überlegungen

Ich kenne viele Menschen in meiner Umgebung, die Entscheidungen treffen, die sie mit dem Bauchgefühl begründen. „Ich verlasse meine Frau, weil ich nichts mehr für sie empfinde.“ „Ich hasse die Maske und werde den Beruf aufgeben.“ „Ich bin in der Therapie dem Hass auf meine Mutter nachgegangen und werde ihr das bald sagen.“ Handlungen werden begründet, weil man etwas spürt und man ein spezielles Bauchgefühl hat. Die Handlungsautorität ist das blinde Gefühl.

Gefühle sind wahrzunehmen. Sie sind aber selbst blind. Gefühle sind wichtig für die Handlungsorientierung und ich brauche sie im Sinne von E-Motion, um handeln zu können. Sie muss ich nur richtig einsetzen.

Männer, die im familiären Umfeld Frauen schlagen oder umbringen, haben die Bauchgefühle Zorn, Ärger, Hass und sehen sie als Handlungsautorität. „Weil in mir Ärger hochkommt, muss ich meine Frau schlagen.“ Ich finde, dass diese Werthaltung katastrophale Folgen hat. Viele der Frauenmorde und andere Verbrechen (z.B. sexuelle Gewalt gegen Kinder) werden so legitimiert.

Der andere Aspekt ist die patriarchale Männerrolle, die Vorbildcharakter hat und in einem Familiensystem solange stabil gelebt wird, bis die Frau den Mann verlassen möchte. Da kommt es zu einer Abwertung dieses Männerbildes, zu einer Kränkung und zu einer schlechten Verarbeitung dieser Kränkung durch den Mann. Es werden keine Handlungsalternativen bedacht, sondern Gewalt als schnelles Handeln erscheint hilfreich, um die Kränkung auszulöschen. Oft begeht der Mann dann Selbstmord.

Der dritte Aspekt sind traditionelle Familiensysteme, die durch das Handeln einer Person in eine Krise geraten. Das Familiengericht spricht ein Urteil, das von einem meist männlichen Mitglied vollzogen werden muss. Handlungsautorität ist nicht das Gefühl, sondern die Familientradition und die Wichtigkeiten, die weitergegeben werden.

Ich habe den Eindruck, dass in der Diskussion über Frauenmorde, Femizide, die Einstellung der Männer übersehen wird und auch der Anteil, den eine Gefühlsideologie in unserer Gesellschaft dabei hat.

Wenn Männer die Handlungsautorität in ihrem Bauchgefühl sehen und nicht im Herzen, nicht im Gewissen (mit Unterstützung des Verstandes, des Geistes), dann sind die Auswirkungen fatal. Wenn Männer lebensfördernde Handlungsalternativen mit ihrer Vernunft erkennen und sich dafür im guten Geist entscheiden, dann ist ein friedliches Zusammenleben möglich.

Sehnsucht nach mehr

Wenn ich andere Christinnen und Christen frage, was ist ihnen in unserer Religion wichtig, dann sagen sie: Jesus Geist lebt weiter. Es ist die Gewaltlosigkeit, das Verzeihen, die Nächstenliebe. Das ist wichtig. Einige sagen: An ein Leben nach dem Tod glaube ich nicht. Niemand ist zurückgekommen. Darauf sage ich: Ich glaube, dass einer aus dem Jenseits zurückgekommen ist. Jesus zeigt mir, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. Er zeigt mir, dass die Sehnsucht nach vollem Leben keine Illusion ist. Er zeigt mir, dass die Liebe den Tod überdauert. Er zeigt mir, dass Gerechtigkeit siegt. Er zeigt mir, dass mein Ich und mein Körper nicht ins Nichts fallen, sondern dass ich in meine Heimat komme, in das Haus „unseres Vaters“.
Johannes Hartl erklärt mir das in: „Himmel – Hoffnung oder Hirngespinst“.

Gott baut uns einen Garten und zeigt uns die Wahrheit

Gott offenbart sich in der Geschichte der Menschheit und gibt ihr starke Impulse. Es ist wie in der Geschichte, in der ein Gutsbesitzer einen Weinberg anlegt, einen Zaun herumzieht, eine Kelter aushebt, einen Turm baut und ihn an Winzer, an Fachleute verpachtet. In der Erntezeit schickt er seine Knechte, um seine Früchte holen zu lassen. Die Winzer aber bringen die Boten um und auch seinen Sohn ermorden sie.

Übertragen auf Gott, seine Schöpfung und uns Menschen bedeutet das: Gott schuf für uns ein Universum und richtete einen Planeten für uns ein. Wir Menschen sind seine Fachleute für die Erde, die gut mit diesem Planeten umgehen können. Er gab uns die Möglichkeit, Krankheiten zu heilen, gesunde Nahrung zu essen und schenkte uns auch die Möglichkeit, nach dem Tod bei ihm lebendig zu sein. Als er aber Früchte wie Liebe und Güte von uns Menschen erwartete, wurden seine Boten umgebracht und als er selbst Mensch wurde, wurde auch er ermordet. Aber er wäre nicht Gott, wenn er nicht vom Grab auferstanden wäre und seinen Geist gesandt hätte. Wenn er als Mensch sagt: „Was ihr dem Geringsten meiner Brüder oder Schwestern getan habt, das habt ihr mir getan“, dann wird bei jedem Mord auch er umgebracht. Und er macht die Toten auf der anderen Seite lebendig. Ich habe den Eindruck, dass durch diese Identifikation vom lebensspendenden Gott mit den Opfern unsere Menschheitsgeschichte einen starken Dreh bekam: Liebe und Verzeihen statt Hass und Rache werden von Gott stark gemacht. Es ist, als baue er an seinem Garten der Liebe weiter – für uns.