Archiv der Kategorie: Atheismus

Religion und Moderne (Teil 1): Konflikte und Aufbrüche

Die Moderne proklamiert Selbstbestimmung und Christen glauben an einen Gott, der vieles in der Natur und in der Geschichte beeinflusst. Wie glauben dann moderne Christen?

hinsehen.net

Der katholischen Kirche galten und gelten gewisse Ausprägungen moderner Theologie und Philosophie als „Modernismus“ und damit als „Sammelbecken aller Häresien“. Ähnliche Ausprägungen gab und gibt es in den evangelischen Kirchen. Was fanatisch klingen mag ist aber eine Analyse von Religionsverständnissen, die tatsächlich für traditionelle Formen des Christentums vernichtende Auswirkungen haben können. Die Moderne bringt neben naturwissenschaftlichen Erkenntnissen auch eine neue Interpretation von Mensch, Religion und Gott mit sich. Die Frage, die sich seit dem durch die Geschichte zieht lautet: Sind Moderne und Religion vereinbar oder hat man als moderner Mensch keine andere Möglichkeit als der Religion abzusagen?

5486890633_295f76e99a_o.jpg Foto: Yann Gar / flickr.com. Lizenz: CC BY-SA 2.0

Der Begriff Modernismus als Phänomen der Moderne

Der Begriff Modernismus ist eine Zuspitzung von theologischen Ansätzen, die vormals als „liberal“ gescholten worden. Erstmals fassen kann man den Begriff beim belgischen LaienundNationalökonomen Charles Périn.Er verwendete ihn inseinemAufsatz

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Die Politik braucht Gott

Der nordkoreanische Herrscher Kim Jong-Un ließ im Dezember 2013 seinen Onkel Jang Song Thaek, einen hochrangigen Politiker brutal hinrichten. Er soll mit fünf seiner Helfer entblößt und in einen Käfig geworfen worden sein. Darin wurden sie bei lebendigem Leib von 120 Hunden angegriffen, getötet und vollständig gefressen. Die Tiere sollen drei Tage lang nicht gefüttert worden sein. Machthaber Kim Jong-un und 300 leitende Beamten hätten das grausame Schauspiel, das eine Stunde dauerte, verfolgt (Bericht von Focus). Nicht immer geht es in der Politik so grausam zu.
Immer wieder werden aber Rivalen aus Parteien ausgeschlossen. Neuestes Beispiel sind die Vorgänge in der FPÖ Salzburg, wo ein halbes Jahr gestritten wurde, jeder gegen jeden rivalisiert hat und wo der Bundesparteiobmann der FPÖ Christian Strache die zwei hochrangigsten Parteiführer Klubobmann Karl Schnell und Landesparteiobmann Rupert Doppler Anfang Juni 2015 aus der Partei ausgeschlossen hat (Bericht Salzburger Nachrichten). Der Sozialwissenschaftler René Girard nennt solche Exzesse einen „Sündenbockmechanismus“. Die Rivalen schließen Frieden indem sie jemanden opfern.
Einfacher ist es für Parteien, wenn sie nicht einen Feind im Inneren haben, sondern einen Außenfeind. Die Sozialdemokraten haben die Rechten, damit ihre inneren Rivalitäten gedämpft werden. Die Nationalen haben die Ausländer, Pegida hat die Moslem, die Linken haben die Faschisten und die Grünen die Rassisten. Dieser Mechanismus hat das Motto „Wir gegen die anderen“. Dadurch werden Rivalen zu Kampfgefährten gegen die ausgemachten Feinde und der Frieden ist innerhalb der Partei hergestellt. Dazu Carl von Clausewitz: „Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“. Die westliche Zivilisation hat die Mittel für politische Rivalitäten begrenzt, sodass niemand seine Feinde den wilden Tieren zum Fraß vorwerfen darf. Diese Begrenzung, so denke ich, ist ein Erbe des Christentums. Es ist die Liebe Gottes zu allen Menschen, die ein Umdenken fordert.
Für Jesu Programm war es unmöglich, andere zu Feinden zu erklären und zu massakrieren. Lieber hat er sich kreuzigen lassen und auch seine Anhänger haben sich den wilden Tieren vorwerfen lassen, keine Rache geübt und keinen Aufstand begonnen. Sicher gab es auch Christen, die nicht in diese Jesusnachfolge gingen. Aber der neue Impuls der Feindesliebe und mit ihm der Jesus-Geist war nicht mehr umzubringen. Augustinus drückt die Liebe zu den Menschen und die Kritik an ihrem Verhalten so aus: Hasse die Sünde, aber liebe den Sünder. Ähnlich äußerte sich Jesus: Wenn dein Bruder sündigt, dann geh zu ihm und weise ihn unter vier Augen zu Recht (Matthäus 18,15).
Dieses andere Verhalten wurde abgesichert durch den Glauben an Gott, der alle liebt und den Schuldigen vergibt. Es wurde aber auch ermöglicht durch eine Liebe zu Gott, die aus Rivalen Söhne und Töchter Gottes macht. Und das hilft. Denn das Gebot der Nächstenliebe macht ohne Gottesliebe depressiv. Gottesliebe unterstützt und inspiriert die Nächstenliebe. Das Gebot lautet: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Gemüte und mit aller deiner Kraft!“ (Markus 12,30)
Die französische Revolution sprach von Brüderlichkeit und alle wussten damals, dass sie einen Vater im Himmel hatten. Nur so ist Brüderlichkeit möglich.
Politikerinnen und Politiker ohne Gott vergessen, dass sie Geschwister und Söhne und Töchter Gottes sind. Sie verfallen in Rivalitäten und sehen den Ausweg im Kampf gegen den jeweiligen Feind.
Politikerinnen und Politiker MIT GOTTESLIEBE müssen nicht rivalisieren und gegen Feinde kämpfen. Sie müssen keinen Gottesstaat errichten. Sie können sich für gute Projekte, gegen die Arbeitslosigkeit und für bessere Wohnungen einsetzen ohne dass sie in Rivalitäten sich aufreiben und sich gegenseitig den wilden Tieren zum Fraß vorwerfen. Deshalb ist Gott für eine gute Politik notwendig.

Ich möchte eine Beziehung zu Gott!

Theresa von Avila

Theresa von Avila: Ich lasse Gott zu

Theresa von Avila ist mir eine großartige Lehrerin geworden, weil sie ihre spirituellen Erfahrungen mit ihren Mitchristen reflektierte. Ihr inneres Gebet ist nicht auf das Nichts gerichtet, sondern auf ein „Du“, sodass sie selber am Du reifen konnte, wie es der große Denker Martin Buber reflektierte. Theresas inneres Gespräch ist auch nicht unter einem Leistungsanspruch, der Gedanken wegdrücken möchte, sondern sie lässt die Gedanken zu und bezieht sie auf Gott. In dieser Kultur der Beziehung sind auch Gottesbilder nicht verboten, wie es die populäre negative Theologie vorgibt. Theresas Motto ist: Ich lass Gott in mir zu. Es ist seine Freiheit, wie er mir etwas signalisiert, ob mit Gedanken oder ohne, ob mit Bildern oder ohne. Ich überlasse mich ihm.

 

Die postmoderne Religion verspricht Gipfelerlebnisse

Dr. Peter Aschoff schreibt auf seinem Blog „peregrinatio“ über Zygmunt Bauman und die Sinnindustrialisierung : Wie „diesseitige Tranzendenz“ funktioniert, schildert Zygmunt Bauman in „Postmoderne Religion?“ so treffend, dass es auch nach gut 15 Jahren nicht minder aktuell klingt. Nicht die Konsumgüter an sich lassen die Kassen klingeln, sondern die Verheißung ungeahnten Erlebens – eine Art Heilsversprechen bzw. eine Form der Erleuchtung. Dazu muss der Konsument allerdings seinen Teil beitragen und an sich arbeiten, indem er nämlich seine Genussfähigkeit maximiert. Auch dafür gibt es selbstverständlich die passenden Dienstleistungen und Angebote:

Das Versprechen neuer, überwältigender, sinnverwirrender oder haarsträubender, jedenfalls immer erregenderer Erfahrungen gilt als das Verkaufsargument für Lebensmittel, Getränke, Autos und Kosmetika genauso wie Brillen oder Pauschalreisen. Alles lockt mit der Aussicht auf bis dato unbekannte Eindrücke, die zu »durchleben« stärker wäre als jegliches bereits Probierte. Jedes neue Gefühlserlebnis muss »größer«, überwältigender und aufregender werden als das vorherige, und das Schwindelgefühl eines »totalen« Gipfelerlebnisses winkt immer schemenhaft am Horizont.“

Stinkefinger: Der griechische Finanzminister Gianis Varoufakis soll nicht lügen

Varoufakis Stinkefinger

Gianis Varoufakis kann sich zur Wahrheit durchringen. Sie macht frei.

Der griechische Finanzminister Gianis Varoufakis weiß, dass er vor zwei Jahren bei einem Vortrag den Deutschen den Stinkefinger gezeigt hat. Er könnte sich entschuldigen und eventuell darauf hinweisen, dass ihm da ein gravierender Fehler unterlaufen ist. Das wäre ihm nach zwei Jahren nachgesehen worden. Aber in der Jauch-Sendung leugnete er, erklärte das Video für eine Fälschung und fordert einige Tage später, dass sich Jauch entschuldigen soll. Es ist aber für einen griechischen Finanzminister, auch wenn seine Regierung nicht auf die Bibel vereidigt wurde, angebracht, das Gebot „Du sollst nicht lügen“ einzuhalten und wenn er gelogen hat, kann er sich entschuldigen.

Solidarität mit Atheisten

In Bangladesch ist der atheistischer Blogger Avijit Roy umgebracht worden. Er erlitt bei einem Angriff mit Macheten tödliche Kopfverletzungen. Auch seine Ehefrau wurde bei der Attacke schwer verletzt. Sein Vater sagte der französischen Nachrichtenagentur AFP, dass sein Sohn viele Drohanrufe wegen seiner Bücher und seinem bekannten Blog Mukto-Mona erhalten hat. Im moslemisch geprägten Bangladesh ist im Jahr 2013 bereits der atheistische Blogger Ahmed Rajib Haider von einer kleinen Islamistengruppe ermordet worden. Bangladesh hat eine säkulare Regierung, die sich weigert, atheistische Blogger wegen Gotteslästerung hinzurichten. Als Zugeständnisse an die radikalen Moslem wurden 2013 Websites geschlossen und vier Blogger festgenommen. Als Christinnen und Christen treten wir für Pressefreiheit, Diskussionsfreiheit und Religionsfreiheit ein und verabscheuen dieses Verbrechen am atheistischen Blogger Avijit Roy und an dessen Frau Rafida Ahmed. Auf der Seite von www.muktomona.com steht: Wir trauern, aber wir sind nicht abgeschaltet.
Links: FAZ

Journalistenwatch
MSN
Mukto Mona (Freier Geist)

Wie handelt Gott in der Welt?

Die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse haben im 20. Jahrhundert eine Revolution des Weltbildes gebracht: Die Zeit und der Raum sind an das Universum gebunden, das vor 13,7 Milliarden Jahren begann, sich auszudehnen. Für die ersten 10-43 Sekunden nach dem Urknall kann es nur spekulative Aussagen geben (Planck-Zeit). Bei Elementarteilchen kann man entweder die Position oder den Impuls messen. Beides geht nicht. Wissenschaftler müssen sich entscheiden, welchen Aspekt sie messen wollen. Die Vorhersagbarkeit der Prozesse im Mikro- und Makrobereich ist nicht mehr leicht möglich. Es gibt sprunghafte Entwicklungen. Ulrich Rudnick dazu: „gleiche Ursachen haben nicht mehr gleiche Wirkungen.“ Ilya Prigogine: „Die Einführung des Chaos zwingt uns, den Begriff des Naturgesetzes um die Konzepte der Wahrscheinlichkeit … zu erweitern.“ Der Nobelpreisträger Robert B. Laughlin spricht sich dafür aus, von komplexen, selbstorganisierenden Systemen auszugehen.

Wie ist diese sehr dynamische Weltsicht mit einem Glauben an einen theistisch, nicht deistisch , nicht pantheistisch und nicht willkürlich zu denkenden Gott vereinbar?

Gott wird in der jüdisch-christlichen Erfahrungstradition als Urgrund von allem gedacht. Dieser Urgrund ist kein Teil dieser Welt wie im Pantheismus und kein Gott, der sich nach der Schöpfung zurückzieht wie im Deismus.

Der biblische Glaube geht davon aus, dass sich Gott in der Schöpfung und in der Geschichte offenbart. Er befreit sein Volk aus der Sklaverei. Die theologische Hypothese sagt, „dass Gott als absolute Freiheit absichtlich und zielgerichtet auf unterscheidbare Weise in die Welt eingreift, in der er freilich immer schon zugegen ist, sofern diese Welt als Schöpfung geglaubt wird (S.10).“ Der Begriff „Gottes Handeln“ ist ein analoger, ähnlicher Begriff. Dazu Wolfhart Pannenberg: „Gottes Handeln darf nicht nach Art beschränkt endlichen, weltlichen Handelns gedacht werden … es ist vielmehr als universales Wirken zu verstehen.“

Die größten Schwierigkeiten kommen auf, wenn man Gott punktuelle Interventionen zubilligt. Diese würden zu den Geschöpfen in Konkurrenz und als Korrektur zu den geschaffenen Dingen stehen. Schwierigkeiten kommen auch auf, wenn man denkt, Gott bestimme alles. Das wäre ein Willkürgott. Die Theologie hat immer schon zwischen Erstursache mit Gott als Schöpfer und der Zweitursache mit den Geschöpfen unterschieden. Thomas von Aquin sah die Ebene der Schöpfung, wo Gott die Erstursache ist, von der Ebene der Geschöpfe, die die Zweitursachen sind, getrennt. Die Wunder hingegen wollte er durch das Eingreifen Gottes über die Zweitursachen hinweg erklären. Das wurde später immer wieder (zu Recht) kritisiert, weil Gott dadurch zu einer Zweitursache wird. Einer der wichtigsten Theologen in diesem Zusammenhang, Béla Weissmahr, sieht Gottes Handeln immer in den Geschöpfen als Ermöglichung des Handelns der Geschöpfe. Das Handeln Gottes wird nicht als direktes Eingeifen Gottes gesehen, sondern als mittelbares, gemeinsam wachsendes Wirken mit seinen Geschöpfen. Es ist ein interaktives, kommunikatives Geschehen. Gott handelt über die Herzen der Menschen in den verschiedenen Augenblicken, in der Gegenwart. Über das Herz kommt Gottes Heil in die Welt.

Christoph Böttigheimer, Universität Eichstätt: Wie Handelt Gott in der Welt? Reflexionen im Spannungsfeld von Theologie und Naturwissenschaft, Herderverlag,

Conchita Wurst: unsterblich!

Kunstfigur Conchita Wurst

Conchita Wurst: eine Kunstfigur

Conchita, der Phönix aus der toten Asche

Conchita: spanisch, Inmaculada Concepción

Die Auferstehung des Travestiekünstlers Thomas Neuwirt

Conchita: spanisch, reine Empfängnis

Die Leugnung des Todes und die Leugnung des Unterschieds der Geschlechter bedeuten ein und dasselbe: Gott sein.
Der große Psychoanalytiker Conrad Stein (1924-2010) beschreibt einen Traum, bei dessen Niederschrift er sich mit einer Bäckerin identifizierte. „Von da aus sah ich mich, über eine weibliche Identifizierung, im Rahmen dessen, was Freud als Bisexualität eines jeden von uns bezeichnet, hinaus genötigt, auf eine Identität anderer Art zu schließen. Sie ist ich – ich bin sie. Ein einziges Wesen. Dabei handelt es sich nicht darum, die Attribute beider Geschlechter zu haben, sondern von dem einzigen Geschlecht zu sein, was voraussetzt, daß man dieses einzige Attribut besitzt, ja daß man es ebensogut auch ist. So bedeuten die Leugnung des Todes und die Leugnung des Unterschieds der Geschlechter ein und dasselbe. Gott sein.“ (Stein, 314f)
Adam und Eva wollen wie Gott sein und sind peinlicher weise nur nackt. Sie hängen sich Lendenschurze um, um ihre Peinlichkeit zu bedecken. Die Lendenschurze sind die neuen Autos, die angestrebte große Karriere, das Statussymbol, das die Sterblichkeit überdeckt. Wurde Conchita Wurst von Menschen gewählt, die sich verzweifelt bemühen, die eigenen Peinlichkeiten zu bedecken? Ist sie die geniale Verkörperung einer Lendenschurzgesellschaft, die sich überbietet, die eigene Sterblichkeit zu verstecken – und mit dieser Verkleidung die Unsterblichkeit zu erlangen? Möchte die Gesellschaft wie ein Phönix aus der toten Asche auferstehen? Wurde es ein Ostergottesdienst im Eurovision Song Contest? Wurde Conchita Wurst durch den ESC die populäre Kunstfigur des auferstandenen Christus?
Literatur: Conrad Stein, Das Unsterblickeitsverlangen
Sandler Willibald, Der verbotene Baum im Paradies (Was es mit dem Sündenfall auf sich hat), http://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/texte/800.html

Philosoph Holm Tetens: Menschen sind nicht Gott

Prof. Dr. Holm Tetens

Prof. Dr. Holm Tetens

Der Berliner Philosoph Holm Tetens beschäftigte sich mit der Wissenschaft und der Technik, mit deren Hilfe der Mensch Gott spielen möchte: „Für die Erkenntnisziele der Wissenschaft brauchen wir die Hypothese Gott nicht, zumal nicht, seit wir unter anderem mit Hilfe der Wissenschaft und Technik die Erlöserrolle, die einst Gott vorbehalten war, nun selber zu übernehmen versuchen.“ (in: Der Glaube an die Wissenschaften …, 281). Der Philosoph Hans Ludwig Ollig SJ unternimmt es, zwei Artikel von Tetens in der Zeitschrift „Stimmen der Zeit“ (April 2014) vorzustellen, in denen Tetens die Logik des Naturalismus aufzeigt. Dieser gibt vor, der einzige wahre Zugang zur Wirklichkeit zu sein und die Menschen ohne Gott zu erlösen. Dadurch macht er sich zur Religion. Tetens sieht einerseits in der technischen Beherrschung des Menschen die Freiheit des Menschen in Gefahr. Andererseits bezweifelt er, ob man in der Weltsicht des Naturalismus eine frohe Botschaft sehen kann: „dass nichts und niemand in diesem an sich lebensfeindlichen Universum uns Menschen will, dass wir Menschen nur zufällig und ohne Sinn und Absicht im Universum entstanden sind, dass wir eines Tages aus diesem Universum wieder verschwunden sein werden.“ (Die Möglichkeit Gottes, 11).

Wir Menschen sind, so Tetens, verstrickt in diese Welt und können uns dadurch nicht befreien. Auch sonst gibt es nichts Innerweltliches, was das Leiden und die Übel überwinden könne. Eine endgültige Erlösung lässt sich nicht beweisen, aber die Erlösungshoffnung ist nicht unvernünftiger als die Aussicht, die der Naturalismus bietet. Gott ist die Macht, die jemand annehmen muss, „der auf eine Erlösung hofft und im Vertrauen auf sie lebt.“ (Naturalismus und … 262). Tetens versteht seine Vorgehensweisen als religionsphilosophische Untersuchungen, die den Dialog zwischen Gläubigen und Ungläubigen fördern können. Der transzendentale Rahmen der großen Erlösungsreligionen konkurriert mit dem transzendentalen Rahmen des Naturalismus. Er ist in dem Satz zusammengefasst: „Gott erlöst uns Menschen und die Welt von allen Übeln und Leiden.“

Literatur:
Hans Ludwig Ollig SJ, Naturalismus und Erlösungsglaube, Holm Tetens‘ Perspektive auf das Religionsproblem, in: Stimmen der Zeit, Heft 4, April 2014; Herder
Holm Tetens, Der Glaube an die Wissenschaften und der methodische Atheismus. Zur religiösen Dialektik der wissenschaftlich-technischen Zivilisation, in: NZSTh 53 (2013) 271-283
Holm Tetens, Die Möglichkeit Gottes, in: Sebastian Hödl / Henning Tegtmeyer (Hg.), Sinnkritisches Philosophieren. Berlin 2013, 11-38
Holm Tetens: Der Naturalismus: Das metaphysische Vorurteil unserer Zeit?

Gott ermöglicht Aufklärung

Immanuel Kant

Immanuel Kant 1724 – 1804

Die Aufklärung hat in Europa eine starke Wirkung. Berühmt wurde der Ausspruch des Philosophen Immanuel Kant, der 1784 in der Berlinischen Monatszeitschrift schrieb: Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines andern zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht aus Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. ‚Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!‘ ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

Diesen Mut zur Aufklärung haben Menschen, die eine tiefe Beziehung zum Grund unseres Daseins haben. Diesen Grund unseres Daseins nennen wir Christen Gott. Wer eine tiefe Beziehung zu Gott lebt, erfährt von Gott eine Sicherheit, die ihm/ihr ermöglicht, den eigenen Verstand zu benutzen. Diese Person muss nicht das Herz an Ideologien hängen, sondern kann kritische Rückfragen stellen. „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“ sagt dieser Personen der gute Gott. Gott ermöglicht dadurch wirkliche Aufklärung, dass er dieser Person Mut zuspricht und dieser Person die Treue hält, die Treue auch über den Tod hinaus.