Himmel! Es ist Krieg

Der Einmarsch des russischen Heeres am 24. Februar 2022 in die Ukraine veränderte alles. Der Friede ist vorbei. Der Krieg begann aber schon 2014 mit dem Überfall auf die Krim und die Städte Lugansk und Donezk. Jetzt erkennen wir, dass diese Verletzung des Völkerrechts viel stärker geahndet hätte werden müssen. Die schwachen Sanktionen reizten Putin, einen größeren Krieg zu beginnen. Lange haben wir uns über den Frieden unterhalten, aber das Phänomen Krieg nicht beachtet. Das geschah auch aus Angst, dass der Krieg beginnt. Diese Angst müssen wir überwinden und uns fragen: Was ist das Phänomen Krieg? Ein Versuch der Annäherung.

Der Krieg ist eine Gewaltausübung des Menschen, bei dem Territorien erobert werden. René Girard sieht beim Lesen des Buches von Clausewitz[1], dass der Verteidiger den „Krieg beginnt und zugleich beendet.[2]“. Er sieht, dass der Angreifer etwas begehrt, was der andere besitzt. Diese Gier entsteht aus der Nachahmung des Gegners, der sein Land liebt. Diese Liebe wird nachgeahmt. Der Angreifer begehrt das Land, fällt in das Land ein und muss mit Widerstand rechnen. Ein Angriff auf ein Land, das sich nicht verteidigt, ist kein Krieg, sondern ein Raubzug. Wobei bei einem Raubzug auch Gräuel vorkommen. Krieg ist also Angriff und Verteidigung.

Marc Chagall, Krieg, 1966

Diese Auseinandersetzung wurde versucht durch Gesetze zu regeln. Im Kriegsrecht[3] dürfen Gegner, „Kombattanten“ angegriffen werden, aber nicht Zivilisten. Wer unbewaffnete Zivilisten verletzt oder tötet, begeht ein Kriegsverbrechen. Soldaten müssen mit Abzeichen wie Armschleifen erkennbar sein.

Clausewitz und Girard sehen im Krieg eine Dynamik der Zerstörung „bis zum Äußersten“. Wenn der Hass, die Leidenschaften groß und größer werden, werden ganze Städte dem Erdboden gleichgemacht, Menschen gefoltert und vergewaltigt. Im Krieg herrscht weniger Vernunft, sondern viel mehr Gewalt und Leidenschaft.

In der jüdischen Bibel werden viele Kriege beschrieben, in denen alles Lebendige getötet und alles Aufgebaute zerstört wird, auch in Gottes Auftrag. Der enge Landkorridor zwischen Mesopotamien und Ägypten war eine Region, die immer wieder mit Kriegen überzogen wurde. Kriege und Gewalthandlungen erlebten die Israeliten mit einer starken Verbindung mit dem Heiligen. Das Heilige wurde als ein ausgesparter Bereich gesehen, in dem Gott und seine Herrlichkeit alleine herrscht. Es ist im Allerheiligsten des Tempels oder in der Zeit der Stämme auf der Bundeslade, die man nicht so ohne weiteres berühren durfte.

Das Phänomen der Ausnahme hat eine Entsprechung im Krieg. Der Krieg ist so wie das Heilige ein Phänomen des ausgesparten Bereiches. Meist kämpft hier Gott selbst, lässt die Mauern von Jericho einstürzen oder er hilft den Israeliten zu kämpfen, solange die Hände von Moses zum Gebet erhoben sind.

Gewalt und Krieg werden ansteckend erlebt. Die Kämpfer in Griechenland müssen sich nach dem Gefecht mit einem Opfer reinigen, damit sie die Gewalt nicht in den inneren Zirkel der Familie oder des Dorfes bringen.

Krieg wird als Ausnahme erlebt, auch weil der Kampf immer leidenschaftlicher, rauschhafter und ekstatischer geführt wird. „Kampf, Gefecht und Krieg schaffen für Menschen neuronale Ausnahmesituationen und Grenzerfahrungen, die als Rausch, Trance und Ekstase wahrgenommen werden[4]“ schreibt Wolf-Reinhard Kemper.

Es gibt aber auch einen Kampf Gottes gegen den Krieg im Alten Testament. Das sind vor allem die Propheten Jesaja, Ezechiel und Micha, die ein Friedensreich des Messias verkünden (Jesaja 11,6-9), Schwerter zu Pflugscharen umgeschmiedet werden (Ezechiel 39,9f. und Micha 4,1-5), ein neuer Himmel und eine neue Erde angekündigt werden (Jes 65,17-25) und Bogen und Schwert von Gott zerbrochen wird (Hos 2,20; ähnlich in Sacharja 9,10; Haggai 2,22). Dieser Kampf gegen den Krieg kommt aber auch in den Psalmen vor (Ps 46,10. Ps 76,4-10).

Dieser göttliche, messianische Frieden ist ein von Gott geschenkter Frieden zum Unterschied eines ungerechten Friedens, der von einem Machthaber diktiert wird und einem gerechten, demokratischen Frieden, der verteidigt werden muss.

Jesus sagt die Kriege voraus. Menschen lassen sich von falschen Propheten und Heilsmittlern verführen und schaden sich und anderen: „Volk wird gegen Volk aufstehen und Reich gegen Reich“ (Markus 13, 8a) „Das geschieht in gesteigertem Maße – in einer wechselseitigen, durch religiösen Fanatismus angeheizten Eskalation – wenn die jeweiligen Gegner sich als von (ihrem) Gott gesandte Agenten verstehen: gesandt, um zu Ehren dieses Gottes sich selber zu verherrlichen.“[5] Die Lage wird eskalieren, „es werden falsche Messiasse und falsche Christusse aufstehen“ (Markus 13,22) und Volk wird gegen Volk aufstehen und Reich gegen Reich. René Girard sieht eine Eskalation darin, dass die Gewalt nicht mehr durch Opfer und Opferkult minimiert wird, eine Folge der Aufklärung des Christentums.

Die militärischen Handlungen werden begleitet von Mythen. Die Angreifer haben ihre Mythen, die besagen, dass sie keinen Krieg wollen, sondern nur den Frieden und die Befreiung von Unterdrückern. Auch werden oft die Vergewaltigungen und Folter bewusst eingesetzt, um den Gegner zu demoralisieren. Die Verteidiger haben Mythen, die erzählen von der Ungerechtigkeit der Angreifer und von den eigenen Heldentaten. Eine dritte Form der Mythen handeln von den Verhandlungen, die von den realen Verhältnissen auf den Schlachtfeldern ablenken und auf den Kriegsverlauf keinen Einfluss haben.

Für viele ist es eine Beruhigung, wenn verhandelt wird. Es zeigt den Außenstehenden, dass ein Waffenstillstand oder ein Frieden angestrebt wird. Aber Verhandlungen sind, wenn es gut geht, nur Kampfpausen. Der Krieg geht weiter, bis eine Partei das Feld räumt. Der Krieg wird am Schlachtfeld entschieden, nicht in politischen Verhandlungen.

Wenn wir Christinnen und Christen Ostern feiern, dann erkennen wir, dass Gott sich vor der Auferstehung ans Kreuz schlagen lässt. Er leidet mit den Leidenden und identifiziert sich mit allen Gefolterten und Geschlagenen.
Diese Passion Gottes geschieht in der Welt. Die Auferstehung bahnt sich aber an. Sie geschieht schon jetzt und dann nach dem Ende. Sie ist ein Grenzphänomen im Übergang von Welt und Herrlichkeit. Sie ist vor allem eine Beziehungsgeschichte von Gott und Mensch.


[1] Carl von Clausewitz, Vom Kriege, Auswahl, hrsg. Von Ulrich Marwedel, Stuttgart, Reclam, 1991 (1980), S. 26

[2] René Girard, Im Angesicht der Apokalypse. Clausewitz zu Ende denken. Berlin, Matthes & Seitz, 2014, S. 48

[3] Kriegsrecht, Christiane Toyka-Seid, Gerd Schneider: Das junge Politik-Lexikon von www.hanisauland.de , Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung 2022, https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/das-junge-politik-lexikon/320689/kriegsrecht/

[4] Rausch und Konsum psychotroper Substanzen in Kriegssituationen, Wolf-Reinhard Kemper. In: Rausch – Trance – Ekstase: Zur Kultur psychischer Ausnahmezustände, herausgegeben von Michael Schetsche, Renate-Berenike Schmidt (Hrsg.), Bielefeld, 2016, transscript Verlag. S. 73

[5] Sandler Willibald Weltuntergang und Wiederkunft Christi. Eine mystagogisch-dramatische Auslegung der Markusapokalypse (Markus 13) 172-174 https://www.uibk.ac.at/theol/leseraum/texte/1220.html#ch2

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