Auf der Seite der Betroffenen. Ihren Geschichten glauben

Klaus Mertes SJ sieht in der kirchlichen Aufarbeitung in Deutschland schlimme Rollenvermischungen von Betroffenen und den Täter-Institutionen. Betroffene werden zur Kooperation herangezogen, damit die Täter-Institution in der Aufarbeitung und der Prävention dazulernt. Er tritt dagegen für eine klare Rollentrennung ein.
1. Hier die Täter-Institution,
2. dort die von der Institution unabhängige Kommission und
3. wieder an einem anderen Ort die Betroffenen, die sich selbständig in einem von der Kommission unterstützten Rahmen organisieren können.
4. Die teilnehmenden Zuhörer: Die Betroffenen haben ihre Geschichte zu erzählen, die zum Glauben herausfordert. Ihre Missbrauchsgeschichten hören ist ein existentieller Akt.

Die Unabhängigkeit ist entscheidend

Mertes schreibt: „Gibt es einen Ausweg? Der Schlüssel zur Lösung liegt wieder bei der Unabhängigkeit der Aufarbeitungskommission – einer Unabhängigkeit, die bei den zwischen UBSKM (Unabhängiger Beauftragter der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs) und DBK (Deutsche Bischofskonferenz) vereinbarten Standards letztlich nicht gegeben ist. Sollte es jemals zu einer unabhängigen, nicht kirchlichen Aufarbeitungskommission kommen, die seitens der Kirchen (und vergleichbarer Institutionen) durch Selbstbindung der Bischöfe mandatiert ist, ergibt sich aus den genannten Erfahrungen eine weitere, zusätzliche Erkenntnis: Um die Beteiligung der Betroffenen zu sichern, müsste dann die Einrichtung einer unabhängigen Kommission einhergehen mit einem Rahmen, der Betroffenen zur Verfügung gestellt wird und der es ihnen möglich macht, sich selbst zu organisieren, um dann den jeweiligen Institutionen gegenüberzutreten – und auch der unabhängigen Aufarbeitungskommission selbst. Solange es das nicht gibt, steht letztlich nur die eckige Konstellation zur Verfügung.“

Quelle: Feinschwarz, ECKIG ODER RUND? Zum Stand der kirchlichen Aufarbeitung von Missbrauch 18.5.2021

Niemand will sie gerne hören. Die Betroffenen haben eine Geschichte zu erzählen

Über Klaus Mertes und seinen Vortrag in der Katho Münster schreibt Karin Weglage:

„Er selbst sei früher Gegner der Befreiungstheologie gewesen, habe sie für eine Form des Kommunismus gehalten. Erst im Kontakt mit lateinamerikanischen Ordensleuten habe er verstanden, worum es geht. Dass die Kirche einen Perspektivwechsel vornehmen und sich auf die Seite der Armen stellen muss. Genauso sei es ihm im Kontakt mit den Missbrauchs-Betroffenen ergangen. „Ohne Kontakt gibt es kein Verstehen“, sagt er.

Die Geschichten fordern zum Glauben auf

„Betroffene von Missbrauch haben eine Geschichte zu erzählen, die niemand gern hören will. Die Geschichten fordern zum Glauben auf.“ Die neutrale Position der Unschuldsvermutung habe er nach diesen Erzählungen nicht eingenommen und auch nicht die Strategie: „Jetzt muss ich erst die andere Seite hören.“ „Eine Missbrauchsgeschichte zu glauben, ist ein existenzieller Akt“, erklärt der Jesuit. Sie führe unweigerlich dazu, dass sich das eigene Beziehungsfeld verändert.“

Quellen:
– Kirche und Leben, Ex-Rektor des Canisius-Kollegs zu Gast in Münster. Jesuit Klaus Mertes über Missbrauch: „Alle haben die Gewalt gesehen“ 16.2.2022
– FAZ, Der Schmerz der Aufklärung ist nicht der Schmerz der Opfer Interview mit Klaus Mertes SJ 18.2.2022


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