Warum Leiden?

Leiden ist ein Zumutung. Wie ich mir die biblischen Texte zum letzten Sonntag angesehen habe und dann im Gottesdienst gehört habe, ist mir aufgefallen, dass es vor allem im Jesaja-Text eine Auffassung von Schuld und Leiden auftaucht, die ich ablehne. Schuld ist kein Gegenstand, kein Paket, das ich mit Arbeit oder Leiden abarbeiten kann.

Im Alten Testament werden die Katastrophen der Geschichte des Volkes Israel als Folge der Schuld und des Fehlverhaltens erklärt. Auch Personen, die leiden, sind selber schuld. Es gibt dagegen wie bei Hiob eine Reflexion, die zeigt, dass Unschuldige leiden. Auch in den sogenannten Gottesknechtliedern beim Propheten Jesaja wird diese Form der Erklärung des sogenannten Tun-Ergehen-Zusammenhangs, kritisiert. Der unschuldige Gottesknecht übernimmt die Schuld der anderen in seinem Leiden und kann die anderen von der Schuld erlösen. Diese Erklärung wird dann auch von einigen in der jungen Kirche auf Jesus übertragen. Bei Markus 10,45 steht: „Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben hinzugeben als Lösegeld für viele.“ Das Lösegeldmotiv wurde dann auch auf das Gefängnis der Schuld übertragen. Damals gab es Schulden-Gefängnisse oder Schuldsklaverei, wo Lösegeld notwendig war, um die Menschen daraus zu befreien. Aber wenn Jesus nicht mit Geld, sondern mit seinem Leben bezahlt, um andere von Schuld zu befreien, dann ist das keine wirtschaftliche Schuld, sondern eine Schuld gegenüber Gott und Gott wird zum Gefängnisaufseher. Sein Sohn soll durch sein Leben als Lösegeld die Gefängnisinsassen befreien. Das ist aber absurd. Gott könnte die Gefangenen einfach entlassen und sein Sohn müsste nicht sterben. Diese Erklärung ist mit der Botschaft Jesu von Gottes Verzeihen nicht gedeckt. Befreiung geschieht bei Jesu Handlungen und Heilungen als Befreiung von Angst und Einsamkeit.

Es stellt sich die Frage: Warum ist Jesu Leiden, sein Tod, seine Auferstehung und seine Geistsendung eine Befreiung? Der Hebräerbrief bringt uns auf eine Spur, die Licht ins Dunkel bringt: „Wir haben ja nicht einen Hohepriester, der nicht mitfühlen könnte mit unseren Schwächen, sondern einen, der in allem wie wir versucht worden ist, aber nicht gesündigt hat.“ (Hebräer 4,15)

Es geht um eine mitfühlende Beziehung. Gottes Sohn fühlt mit unserem Leiden mit und ist durch sein Leiden solidarisch mit allen Leidenden der Welt. Es geht nicht um Schuld, sondern um mitfühlende Beziehung. Schuld wird von Gott vergeben, wenn wir bereuen und einen guten Weg einschlagen. Schuld löst sich im Nichts auf, wenn wir einander verzeihen und wenn Täter bereuen. Dann löst sich Schuld im Nichts auf.

Ich wurde gefragt, was ist mit der Erbsünde? Müssen alle getauft werden, damit sie nicht in der Erbsünde leben? Die Erbsünde ist die Ungerechtigkeit in der Welt. Das ist alles. In der Taufe kommt Gott zu den Menschen mit seiner Liebe und seiner wunderbaren Zuwendung. In der Taufe Jesu sagt der Vater: „Das ist mein geliebter Sohn“. Und der Heilige Geist erfüllte ihn. Das geschieht in der Taufe: Du bist die geleibte Tochter, der geliebte Sohn!“ Es ist der Beginn der Befreiung aus Angst und Einsamkeit.

Dadurch ist die Frage nach dem biologischen Leiden nicht gelöst. Da helfen Charles Darwin und die Evolutionstheorie. Das Leiden ist eine notwendige Zumutung der biologischen Evolution, damit wir entstehen. Gott mutet es uns zu, dass wir biologische Lebewesen sind, die aus der Natur entstehen. Dieses Leiden bedingt durch Krankheiten sind notwendige Begleiterscheinungen der Entstehung von Leben und von uns Menschen. Wir schaffen aber auch mit unserem kulturellen Handeln und mit unserer Freiheit eine eigene Welt mit Schönheit und Leid, mit Großartigem und Bösem. In diese Welt kommt Gott als Mensch. Er wird unser Bruder und Freund. Er umgibt uns mit seinem Geist und seiner Zuwendung. Das Leiden bleibt eine Zumutung, aber wir sind mit der Beziehung zu Gott und in seinem Gnadenstrom mit guter Wegnahrung in den Sakramenten begleitet. Das Ziel unseres Lebens ist die Lebendigkeit in Gottes Herrlichkeit.

Photo by cottonbro on Pexels.com

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