Ich werde dich preisen, solange ich lebe

Psalm 104 von Ernesto Cardenal

Lobe den Herrn, meine Seele!
Herr, mein Gott, Du bist groß.
Du bist in Atomenergie gekleidet
wie in einen Mantel.
Wie auf einer Töpferscheibe hast Du
aus einer Wirbelwolke kosmischen Staubes
die Spiralen der Milchstraßen gezogen.
Unter Deinen Händen begann das Gas sich zu verdichten und zu glühen,
so formtest Du die Sterne.
Wie Sporen oder Samen hast Du Planeten ausgestreut
und sätest Kometen wie Blumen.
Ein rotglühendes Meer war der ganze Planet,
Eisen und rote, geschmolzene Felsen
stiegen und sanken mit den Gezeiten.

Und alles Wasser war damals noch Dampf,
dunkle Wolken decken hüllten die Erde ein.
Und dann begann es zu regnen – Jahrhundert um Jahrhundert,
ein jahrhundertelanger Regen fiel auf steinerne Kontinente.

Äonen später entstanden die Meere, tauchten Gebirge auf
(die Erde war schwanger)
Und die Berge wuchsen wie große Tiere,
aber das Wasser zernagte sie;
als Ruinenberge blieben sie liegen,
Trümmer aus jenen Zeiten.
Das Zusammenspiel von Wasser und Licht erzeugte das erste Molekül,
die erste Bakterie teilte sich.
Im Prä-Kambrium erschien die erste glasige Alge,
von Sonnenenergie ernährt.
Durchsichtige Geißeltierchen,
Kristallglöckchen ähnlich oder Blumen aus Gelatine,
bewegten sich und pflanzten sich fort
(das ist der Ursprung von allem, was heute lebt).

Danach kamen die ersten Schwämme, plastisch wie Medusen,
Polypen mit Mund und Magen; darauf die ersten Weichtiere
und die ersten Stacheltiere: Seestern und Seeigel.
Im frühen Kambrium bedeckten Schwämme den Meeresboden
und bauten Felsenriffe von Pol zu Pol.
Im mittleren Kambrium starben sie alle,
aber dann erblühten die ersten Korallen
und bauten auf dem Meeresgrund rote Wolkenkratzer.
In den Gewässern des Silurs
tauchten die ersten Scherentiere auf: Seeskorpione,
und im späten Silur der erste Raubfisch,
ein winziger Hai (der hatte schon eine Kinnlade).
Im Devon wuchs das Seegras zu Bäumen auf
und lernte atmen,
verstreute seine Sporen und wuchs zu Wäldern;
seitdem gibt es Stängel und Blätter.
Dann kamen die ersten einfachen Tiere an Land,
Skorpione und Spinnen entflohen dem Meer;
mit ihren Flossen erschienen die ersten Amphibien,
und die Flossen wurden zu Füßen.
Weiche, fleischige Bäume wuchsen in den Sümpfen des Paläozoikums.
Es gab noch keine Blumen,
da gab es schon Insekten,
entstanden Dinosaurier und Vögel.
Und die ersten Blumen wurden von den ersten Bienen besucht.
Im Mesozoikum gab es die ersten Säugetiere,
winzig und warmblütig,
die ihre Jungen lebend gebaren und säugten.
Im Eozän erschienen Lemuren, die auf Bäumen lebten,
und die ersten Tarsier mit Stereoskop-Augen wie der Mensch.
Und zu Anfang des Quartärs erschufst Du den Menschen.

Du gibst dem weißen Bären seinen eisfarbenen Anzug
und dem Polarfuchs das schneeweiße Fell.
Das Wiesel färbst Du im Sommer braun und im Winter weiß.
Der Gottesanbeterin gibst Du ihr Tarnkleid,
und die Schmetterlinge tarnst Du mit Blumenfarben.
Du lehrst die Biber, ihre Dämme aus Stäben
und ihre Häuser auf dem Wasser zu bauen.
Die Baumgrille fliegt und singt und kennt ihre Nahrung von Geburt an,
und die Wespe versteht’s, Baumstämme anzubohren, um ihre Eier abzulegen.
Die Spinne webt ihr Netz;
wenn die Störche aus dem Ei schlüpfen, wissen sie, wo Norden und wo Süden ist;
sie brauchen keinen Reiseführer auf ihrem Flug nach Norden.
Dem Leoparden gibst Du Schnelligkeit,
dem Baumfrosch Saugnäpfe
und dem Nachtfalter einen Geruchssinn,
der den Duft des Weibchens wahrnimmt in der Nacht über gut zwei Meilen hin.
Du gibst dem Krustentier Leuchtorgane,
den Tiefseefischen Teleskop-Augen
und den Zitterfischen elektrische Batterien.

Du hast den Befruchtungsvorgang der Blumen erfunden;
Du gibst dem Samen Flügel, dass er im Winde fliegen kann,
und Häutchen, dass er schwebt wie Schmetterlinge.
Andere haben Haare, um im Wind zu rudern,
oder sie fallen wie Flocken,
wie Propeller,
oder gehen wie Fallschirme nieder,
oder sie schwimmen im Wasser wie Boote und suchen den Fruchtknoten.
Der Blütenstaub kennt seinen vorgeschriebenen Pfad,
und die Gewebe des Griffels beirren ihn nicht
auf seinem Weg zur weiblichen Eizelle.

Aller Augen harren auf Dich, Herr,
jedem gibst Du seine Nahrung zu seiner Zeit.

Du öffnest Deine Hände und schüttest Deinen Segen über alle Tiere aus.
Dem bescheidenen Ruderfußkrebs gibst Du seine Kieselalge.
Die Seeanemonen verlangen ihre Nahrung von Dir
(grausame, gefräßige Pflanzen),
und Du gewährst sie ihnen.
Mit ihren hungrigen Fangarmen
verlangt auch die durchsichtige Nereide ihre Nahrung von Dir.
Seegras und Krabben gibst Du dem Tauchervogel und seinen Kindern,
und den Meeresstrandläufer gibst Du zarte Weichtiere.

Die Sperlinge haben weder Kornkammern noch Traktoren,
Du aber gibst ihnen die Körner, die auf die Straße fallen,
wenn die Lastwagen zu den Silos fahren.
Dem Kolibri gibst Du den Nektar der Blumen,
weichen Reis dem Reisvogel
und Fische dem Eisvogel und seiner Gefährtin.
Die Möwen finden jeden Tag ihre Fische
und die Eule jede Nacht ihre Frösche und Mäuse.
Du bereitest dem Kuckuck sein Mahl
aus Raupen und haarigen Würmern,
Du gibst dem Raben Grillen
und der Grille, die in ihrer Höhle singt, Insekten.
Dem Specht gibst Du kleine rote Früchte,
viel mehr, als er zu essen vermag.
Das gestreifte Eichhörnchen hält seinen Winterschlaf,
und wenn es aufwacht, liegen seine Vorräte immer noch bereit.
Du lässt die Frühlingsblumen sich öffnen.
wenn die Schmetterlinge aus den Puppen kriechen.
Morgens öffnest Du die Blumen für die Tagschmetterlinge
und schließt sie abends, wenn sie schlafen gehen,
und wieder andere öffnest Du des Abends für die Nachtfalter,
die in dunklen Ecken den Tag verschlafen
und erst wieder ausfliegen, wenn der Abend dämmert.
Und an demselben Tag,
an dem Du die Hummel aus ihrem Winterschlaf weckst,
öffnest Du die Blüten der Weiden.

Ich werde den Herrn preisen, solange ich lebe
ich werde Ihm Psalmen schreiben –
mögen meine Lieder ihm Freude machen.
Lobe den Herrn, meine Seele,
Halleluja!


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