Weiße Wand: Was fehlt, wenn das Kreuz fehlt?

Das Kreuz ist mehr als ein kulturelles Zeichen. Gedanken zur Verbannung religiöser Symbole aus dem öffentlichen Raum.

Jan-Heiner Tück, Universität Wien, schreibt in der „Presse“, was fehlt, wenn es kein Kreuz im öffentlichen Raum gibt (Auszug):

Soll das Kreuz hier zur Verteidigung des „christlichen Abendlands“ missbraucht und für eine bestimmte Identitätspolitik funktionalisiert werden? Das Kreuz sprengt diesen Rahmen. Es ist mehr als ein kulturelles Zeichen.

Das Kreuz ist Anstoß. Es macht sichtbar, was gern verdrängt wird. Es gibt das Leid, den Schmerz und den Tod. Die Erinnerung daran ist gerade in Spitälern hilfreich. Wie oft verschleiern Ärzte durch elaborierte Vokabulare ihren Patienten den wahren Zustand, weil sie meinen, dieser sei nicht zumutbar. Das Kreuz sagt: Wahrheit ist zumutbar. Statt sie in Zonen des Schweigens abzudrängen, muss sie ausgesprochen werden – schon um der Kranken willen.

Das Kreuz ist Spiegel. Es zeigt: Wir machen Fehler und brauchen Vergebung. Statt Vergeltung zu fordern, hat der Gekreuzigte seinen Peinigern verziehen. In einer Gesellschaft, in der alle perfekt sein wollen, ist das eine heilsame Provokation. Wir sind nicht perfekt. Aber wir verschleiern uns das – und sind Virtuosen darin, es nicht gewesen zu sein. Das läuft fast immer darauf hinaus, es andere gewesen sein zu lassen. Dieser Unschuldswahn ist pathologisch. Das Kreuz unterbricht ihn – und befähigt zu einer Kultur der Vergebung, die wir alle brauchen, um neu anfangen zu können.

Das Kreuz als Spiegel und Trost

Das Kreuz bietet Trost. Dafür haben wir fast die Sprache verloren. „Nur der leidende Gott kann helfen“, hat Dietrich Bonhoeffer geschrieben, bevor er hingerichtet wurde. Die Pointe christlicher Kreuzestheologie ist, dass sie Gott nicht nur in Kategorien der Stärke buchstabiert. Paradox gesprochen: Gott ist so stark, dass er auch schwach sein kann, er ist nicht apathisch, sondern hat sich in der Passion auf die Seite der Leidenden gestellt.

Das Kreuz ist Zeichen des Lebens. Auf die Nacht des Karfreitags folgt das Licht von Ostern – mit der Botschaft: Der Gekreuzigte lebt! Diese Hoffnung mag vielen unerschwinglich sein. Aber die Sehnsucht, dass unser Leben nicht im Abgrund des Nichts versinkt, sondern rettend aufbewahrt wird, bricht gerade in Grenzsituationen des Leidens auf. Das Kreuz sagt: Das Leben ist stärker als der Tod.

Diese Sinngehalte scheinen heute mehr und mehr zu verblassen. Das müsste den Kirchen einen Ruck geben. Alle, nicht nur Kleriker, auch bzw. vor allem Laien müssten unter der Asche der Gewohnheiten die Glut des Evangeliums neu entdecken. Soll das, was Generationen Orientierung im Leben und Sterben gegeben hat, heute etwa nichts mehr bedeuten?

Dabei ist nicht zu vergessen, dass die Kirche selbst Anteil am Plausibilitätsverlust des Glaubens hat. Immer wieder in der Geschichte hat sie das Kreuz als Herrschaftssymbol missbraucht. Eine aufgeklärte christliche Religionskultur weiß darum. Sie wird schon deshalb jeden Triumphalismus vermeiden, gerade im Gespräch mit Juden, Muslimen und Agnostikern.

Leben ist stärker als der Tod

Allerdings ist der Dienst an den Kranken selbst aus einer Kultur der Barmherzigkeit erwachsen, die dem Evangelium Entscheidendes verdankt. Das hat um 1900 ein agnostischer Intellektueller klar gesehen, der protestierte, als der liberale Säkularismus die Kreuze aus den Spitälern Uruguays entfernen wollte.

José Enrique Rodó (1871–1917) hatte ein waches Gespür dafür, dass etwas fehlt, wenn das Kreuz fehlt. Neben abstrakten Ideen, in denen sich eine Moral ausdrückt, brauche es sprechende Symbole, um eine Passion für moralische Wahrheiten freizusetzen. Im Kreuz sah er ein Modell für Mitleid und Hingabe, das auch Anders- und Nichtgläubigen etwas sagen kann.

Das Kreuz bietet Trost. Dafür haben wir fast die Sprache verloren. „Nur der leidende Gott kann helfen“, hat Dietrich Bonhoeffer geschrieben, bevor er hingerichtet wurde. Die Pointe christlicher Kreuzestheologie ist, dass sie Gott nicht nur in Kategorien der Stärke buchstabiert. Paradox gesprochen: Gott ist so stark, dass er auch schwach sein kann, er ist nicht apathisch, sondern hat sich in der Passion auf die Seite der Leidenden gestellt.

Das Kreuz ist Zeichen des Lebens. Auf die Nacht des Karfreitags folgt das Licht von Ostern – mit der Botschaft: Der Gekreuzigte lebt! Diese Hoffnung mag vielen unerschwinglich sein. Aber die Sehnsucht, dass unser Leben nicht im Abgrund des Nichts versinkt, sondern rettend aufbewahrt wird, bricht gerade in Grenzsituationen des Leidens auf. Das Kreuz sagt: Das Leben ist stärker als der Tod.

Mehr zu lesen: Weiße Wand: Was fehlt, wenn das Kreuz fehlt?
Jan-Heiner Tück, 25.02.2020, Die Presse

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