Umflutet zu sein von Gottes Energie

Ich lese gerade: Der Philosoph Wilhelm Schmid sieht in der Gottesfrage das Eigentliche jedweder Existenz. In der Zeitschrift “Universitas“ erklärte er über „die mögliche Liebe Gottes und die wirkliche Liebe zu Gott“: „Die Entscheidung für oder gegen die Annahme einer Transzendenz ist eine intime Frage des jeweiligen Ich, … intimer noch als andere Fragen: Kann ich mich mit der mir gegebenen Endlichkeit bescheiden, von der ich glaube, dass sie nicht zu überschreiten ist, oder will ich mich in eine mögliche Unendlichkeit eingebettet glauben, in der auch ein anderes Leben möglich ist? Wenn Letzteres, nehme ich dieses Mögliche in mein Innerstes auf, gebe meinem Glauben also einen Platz in meinem Kern, ‚im Herzen‘, nicht nur in der Peripherie meiner selbst.“
Das aber ist die Kernaufgabe von Kirche, auf sokratische Weise den Individuen Hilfestellung zu geben, selber an dieser Frage zu arbeiten, sie stets neu zu bedenken – und sie vielleicht trotz aller Zweifel positiv zu beantworten, diese Antwort zu leben. Letzten Endes geht es dabei um Sehnsucht, Wahrheit, Redlichkeit und Beziehung: um eine Beziehung der Liebe, „die die Kunst des Liebens noch einmal erweitert“. Der Philosoph nennt dafür drei Weisen: eine anfängliche, fast naive Weise, eine kindliche Liebe, „die auch über die Kindheit hinaus bewahrt werden kann und in der sich Göttliches und Kosmisches“ vermengen; eine Liebe des abrupten Ergriffenwerdens von etwas, das unendlich größer ist als ich, wie es Saulus bei seiner Bekehrung zu Paulus erlebte; schließlich eine allmähliche, reflektierte Weise der Liebe „auf Grund von Überlegungen und Gründen, die plausibel erscheinen und in einer Art von nüchterner Mystik für die Existenz von Transzendenz sprechen, etwa weil Endlichkeit ohne Unendlichkeit nicht denkbar ist und weil die vorgestellte und gefühlte Beziehung zur Transzendenz ganz andere Räume fürs Leben eröffnet“.
Aus: Johannes Röser, Wenn Leere Lehre wird. In:  Christ in der Gegenwart 33/1016

Gottesfreundschaft
Schmid versucht, solche Liebeserfahrungen zu umschreiben: „Unentwegt umflutet zu sein von Energie, so dass es nur darauf ankommt, sich ihr zu öffnen. Von Gott geliebt zu sein heißt ins Weltliche übersetzt:
Menschen können sich getragen fühlen von der Energie, die ihrem Leben zugrunde liegt und nie versiegt, so dass sie ihnen als göttliches Wesen erscheint.“ Umgekehrt öffnet sich mit der Liebe zu Gott „der endliche Mensch für das Unendliche und erschließt sich damit ein unabsehbares Potenzial des Lebens. Auch die Liebe zu Gott bedarf zu ihrer Pflege allerdings einiger Rituale im Alltag. Ein solches Ritual ist beispielsweise das Gebet, im weltlichen Sinne die Meditation; in jedem Fall geht es um eine Vergegenwärtigung des Unendlichen im Endlichen.“
Die Liebe zu Gott muss – so Schmid – keineswegs leidenschaftlich sein. Im Gegenteil: „Manche Menschen bevorzugen eher eine Beziehung der Freundschaft, die im Unterschied zur intimen Nähe der Liebe mehr Distanz wahren kann, auch skeptische Distanz, so dass ein größerer Freiraum entsteht. Eine Freundschaft könnte der Beziehung zwischen Mensch und Gott sogar angemessener sein als die Liebe, die ihm zu nahe kommt. Der Freund erkennt den anderen in seiner Andersheit an und umklammert ihn nicht, bis sich das wirkliche oder vorgestellte Einssein mit ihm noch zur Auflehnung gegen ihn verkehrt. Den Gedanken, die Beziehung zwischen Mensch und Gott könnte eine ‚göttliche Freundschaft‘ sein, hat bereits Thomas von Aquin gedacht …, schließlich habe der Gottessohn Jesus seine Jünger ‚Freunde‘ genannt … Ohnehin sei es unmöglich, unaufhörlich an Gott zu denken und von der Zuwendung zu ihm bewegt zu werden‘ … Auch ein Gott bedarf der Schonung.“ Unter dem „Blick Gottes“ aber kann die Gottesfreundschaft gedeihen. Dazu braucht es den Blick der Kirche für das Notwendige, Sinnvolle und Gehaltvolle. Sie ist eine Gemeinschaft der aus der Fülle des Wissens Glaubenden, nicht eine Gemeinschaft der mit Leerem Belehrten.
Zum Glauben an Gott gehört der innere Kampf um Gott, der durch die Nacht des Zweifels geht. Warum kämpft da die Kirche nicht mit? Warum steht sie abseits mit Botschaften, die mit dem, was alle angeht, zumindest die vielen guten Willens, wenig bis gar nichts zu tun haben?
Gottesignoranz
Wilhelm Schmid bedauert, dass Gott oft „nicht einmal mehr einer Auseinandersetzung für wert befunden wird“. Neben dem bewussten Atheismus herrsche weitaus mehr Ignoranz vor. Auch im üblichen Kirchentheater“ routinierter Unterhaltung herrscht viel Gottvergessenheit. ja Gottesignoranz. Vielleicht aber drückt sich darin auch bloß Ratlosigkeit aus, wie man die neue Frage nach Gott in Zweifeln wahrnehmen, begründen und authentisch kultisch inszenieren kann.

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