Jürgen Manemann: Weg mit dem Selbstmitleid!

1526317-Friedrich.png

Otto Friedrich

FURCHE-Redakteur,auf twitter folgen

In den Umbrüchen der Zeitläufte steht auch die Rolle der Religion in Diskussion. Der Rede vom „christlichen Europa“ haftet etwas Vergangenes an, und die Gegenwart der Pandemie beschleunigt die gesellschaftlichen Transformationsprozesse immens. Das konstatieren Zeitdiagnostiker aller Couleur. Aber wenn sich Europa nicht auch über die Religion definiert, was tritt an deren Stelle? Und welche Zukunft hat dann das Christentum? Die FURCHE sprach darüber mit dem Theologen und politischen Philosophen Jürgen Manemann, Schüler und Denker in der Nachfolge des im Vorjahr verstorbenen Begründers der „Neuen Politischen Theologie“, Johann Baptist Metz.

Navigator

Liebe Leserin, lieber Leser,

DIE FURCHE feiert 75 Jahre! Aus diesem Anlass können Sie diesen Text kostenlos lesen. Im FURCHE‐Navigator finden Sie tausende Artikel zu mehreren Jahrzehnten Zeitgeschichte. Neugierig? Am schnellsten kommen Sie hier zu Ihrem Abo – gratis oder gerne auch bezahlt. Damit unterstützen Sie die nächsten 75 FURCHE-Jahre!
Herzlichen Dank, Ihre Doris Helmberger‐Fleckl (Chefredakteurin)

DIE FURCHE: Wenn ein Wort das Jahr 2020 charakterisiert, dann ist es „Krise“. Natürlich kommt da in unseren Breiten zuerst die Pandemie in den Blick. Was ist die Rolle der Religion in dieser Krise?
Jürgen Manemann: Aus meiner christlichen Perspektive hat das Phänomen der Religion sehr viel mit dem Unverfügbaren zu tun. Religionen helfen, das Unverfügbare wahrzunehmen und damit zu leben. Der amerikanische Philosoph George Santayana hat das so formuliert: „Religion ist die Liebe zum Leben im Bewusstsein eigener Ohnmacht.“ Diese Liebe ist in der Krise von großer Bedeutung. Denn wir werden gegenwärtig auf unterschiedlichen Ebenen mit Ohnmachtserfahrungen konfrontiert. Auch privilegierte Menschen erfahren plötzlich, dass sie ihr Leben nicht vollends kontrollieren können, dass auch ihr Leben gefährdet ist. Religion als genau diese Liebe im Bewusstsein der Ohnmacht könnte helfen, dass eine neue Empfindlichkeit für die unterschiedlichen Verwundbarkeiten von Menschen entsteht. Gerade in der Coronakrise haben wir es mit unterschiedlichen Verwundbarkeiten zu tun, die nicht mit dem Leben an sich zusammenhängen, sondern ökonomisch, politisch und gesellschaftlich inszeniert sind.

Weiterlesen: https://www.furche.at/religion/juergen-manemann-weg-mit-dem-selbstmitleid-4194555

Die Welt in Erschütterung

Die Zeit des Advent beginnt wenig besinnlich, ruhig und adventlich. Der 1. Adventsonntag steht in der Folge der letzten Sonntagsevangelien, die uns an das Ende der Welt erinnert haben.
Auch heute spricht Jesus vom jüngsten Tag, von dem Tag, an dem die Sonne sich verfinstert, der Mond nicht mehr scheint, die Sterne vom Himmel fallen und die Kräfte des Himmels erschüttert werden. Es ist der Tag, an dem Christus mit großer Macht und Herrlichkeit auf den Wolken kommen wird und die Seinen aus allen Windrichtungen zusammenholen wird.
Dieser letzte Tag wird kommen.
Deshalb lädt uns Jesus ein, aus dem Vergleich mit dem Feigenbaum zu lernen. Die Menschen damals konnten anhand des Feigenbaums die Jahreszeit ablesen, erkennen, wann bzw. dass der Sommer nahe ist.
Genau so sollen wir erkennen, dass der jüngste Tag kommen wird, und bereit sein.
Den Tag und die Stunde kennt nur der Vater. Wir wissen nicht, wann dieser Tag kommen wird, wir wissen nur dass er kommen wird.
Umso wichtiger ist es, stets so zu leben, als könnte er heute oder morgen kommen, stets bereit zu sein, um Christus zu begegnen.
Wir sollen wachsam sein.
Lebe ich derzeit so, dass Jesus Christus jederzeit wiederkommen könnte?
Müsste ich in meinem Leben etwas ändern, um für Christus bereit zu sein?
Michael

Licht in der Finsternis

Ein Blick zurück ist ein Blick in die Zukunft

Im Markusevangelium lesen wir die Rede vom guten Ende. Die Menschen fragten sich: Gibt es in einer Welt, in der alles aus den Fugen gerät, Hoffnung? Das ist auch unsere Frage, wenn wir in die Welt schauen. Ja, wir können Hoffnung haben. Es gibt Zeichen der Hoffnung, die die Ankunft von Christus zeigen.

Beim Propheten Jesaja lesen wir, dass das Volk Israel, heimgekehrt aus dem Exil im 5. Jahrhundert vor Christus, den Tempel zerstört vorfindet. Der Schreck des verlorenen Krieges sitzt tief. Dennoch: Ein leiser Hoffnungsfunke ist noch da. Gott ist sein Vater, der sich ihm wieder zuwendet.
Im ersten Brief an die Gemeinde in Korinth zeigt Paulus seine Wertschätzung für die Gemeinde und erinnert sie an ihre Berufung. Auch er denkt an den Tag unseres Herrn Jesus Christus und fragt sich, ob wir zu einer Begegnung mit ihm bereit sind.

Der Tag des Christus: jetzt?

Es gibt drei Ereignisse, in denen der gute Tag des Christus nicht am Ende der Welt sich ereignet, sondern schon im Vorhinein wie in einem Vorgeschmack erfahrbar ist:
Im Sonntag, dem „Tag des Herrn“. Der Alltag wird unterbrochen. Es ist Zeit für die Familie, für Gott und die Freunde.
Im Gottesdienst in der Kirche ereignet sich ein Tag des Christus. Wir sind im Dialog mit Gott und er schenkt uns das gute Wort, das uns aufbaut und das Brot, das uns heilt.
Im Gebet in der Woche können wir den Tag des Christus erleben. Es unterbricht die Aufgaben, die Funktionalität und Gott sagt: Ich bin da. Ich bin, der ich für dich da bin.
In diesen drei Ereignissen kommt Gott und Jesus Christus einzigartig mit seinem Geist uns entgegen. Es ist vollkommene Liebe.

Ja, wir haben Hoffnung, dass diese Welt sich entwickelt und dass sie in den Punkt Omega übergeht, wie es Teilhard de Chardin sagte. Dieser Punkt Omega ist dieser kosmische Christus, auf den alles zuläuft. Es ist die große Kommunion, die große Kommunikation, das große universale Gespräch.
Danke, Gott!
Hannes

Christkönigsfest

Im brasilianischen Salvador staunte ich über die Basilika unseres Herrn zum guten Ende. Hier wird das gute Ende gefeiert. Noch mehr erstaunt war ich, dass die Hauptfigur in der Kirche den gekreuzigten Christus darstellt. An die Auferstehung erinnern die goldenen Engel, die ihn tragen. Ich finde, dass diese Zusammenschau von Kreuzigung und Auferstehung gut zum Fest Christkönig passt. Auch die Kronen am Kreuz zeigen das.

Der Christkönigsonntag ist das Ende des Kirchenjahres. Es ist ein Übergangsfest vom Tod zum Leben. Jesus und mit ihm Gott zeigt sich als wahrer König. In der NS-Zeit war vielen klar, dass er der wahre König war und nicht Hitler.

Wir leben mit Christus in der guten Messiaszeit, die ein gutes Ende hat, aber wann das gute Ende kommt, wissen wir nicht. Der Kampf gegen das Covid-Virus zeigt uns, dass es gewaltige Mächte gibt, die uns in unserer Bewegungsfreiheit stark einschränken. Da tut es gut, dass Gott sich als einer zeigt, der das Verletzte verbindet und das Kranke stärkt. Ezechiel ist ein Medium, durch das sich Gott wie ein guter Hirte vorstellt. Er holt die Verirrten und Zerstreuten und wird sie weiden. Wir sind durch das Virus in unseren Wohnungen und können uns nicht treffen. Aber das wird vorbeigehen und wir werden uns wieder treffen können. Gott hilft uns, dass wir diese Kontaktbeschränkung durchstehen und uns wieder voll sehen können, nicht nur telefonieren oder über Zoom kommunizieren.

(Wikipedia: Basilica Nosso Senhor do Bonfim)

Talent ist Beziehung

Talente als Beziehung

Wir bekommen unterschiedliche Talente mit auf den Lebensweg. Einige pflegen sie und einige wollen nichts damit zu tun haben. In unserer Bibelrunde wussten wir mit dem Gleichnis von den Talenten nichts anzufangen. Dass einer aus Angst das Talent mit Millionen Denaren vergräbt und dann in der Finsternis heult und mit den Zähnen knirscht war etwas, was in der Welt anscheinend vorkommt, aber soll das eine Ähnlichkeit mit dem Himmelreich haben?

Da hatte einer eine Idee, die Sinn macht. Die Talente, die Gott uns schenkt, sind die Beziehungen zu ihm. Jeder hat andere Beziehung zu Gott. Wir sind aber auch frei, keine Beziehung zu Gott haben zu wollen. Dann aber sind wir in der Finsternis, heulen und knirschen mit den Zähnen. Wenn wir hingegen in die Beziehung mit Gott pflegen, dann haben wir Licht, Orientierung und feiern mit ihm ein Freudenfest.
Gleichnis: Matthäus 25,14-30

Gib dem Kleinen eine Chance

Er lässt das Kleine wachsen

Wenn ich etwas nicht machen kann, dann tut es gut, wenn ich es vor Gott hinlege. Ich kann nicht alles ändern. Auch mit anderen zusammen kann ich nicht alles ändern. Das meiste entzieht sich meiner Kontrolle. Das ist typisch für das Leben. Dahinter wirkt Gott. Er hält alles in seiner Hand zusammen und lässt es wachsen. Paulus schreibt an die Korinther: Ich habe gepflanzt, Apollos hat begossen, Gott aber ließ es wachsen. Gott lässt auch sein Reich wachsen. Er ist ein Vorbild für mich. Er schenkt uns Talente, aber wir können sie entwickeln. Bei Jesus geht es um das Kleine, um den kleinen Samen, der wächst. Es geht ihm um die kleinen Talente, die bei den Menschen wachsen.
Es geht ihm um die kleinen Gemeinschaften, die wachsen. Auch unsere Gottesdienstgemeinde war eine kleine Gemeinde. Auch sie ist mit Gottes Hilfe gewachsen. Es gibt aber auch innerhalb der Gemeinde kleine Gemeinschaften, die wachsen. Das ist wunderbar. Es zeigt mir, dass wir wie Paulus mit Kleinem beginnen können. Wir können wie Apollos das Kleine begießen. Wir können darauf vertrauen, dass Gott das Kleine beschützt, sodass es wachsen kann – unsere kleinen Gemeinschaften und unsere kleinen Talente.

Terrorangst, Vereinsamung und die Hoffnung

Freie Beziehung zu Gott

Es dauerte einige Zeit, bis ich etwas bemerkte. Ich glaubte an Gott und an Jesu Auferstehung, aber etwas fehlte mir. Jesus sagt zu uns: Ihr seid die Hoffnung der Welt. Ihr seid das Licht der Welt. Aber so kam ich mir nicht vor. Ich sah mich wie eine Glühbirne, die nicht leuchtet. Ich brauchte Strom. Aber wie bekomme ich Strom, wenn er nicht da ist? Wie kann ich für Gott und Jesus Licht sein, wenn ich keinen Strom in meiner Lampe habe? Da hörte ich von den fünf Jungfrauen, die das Öl für ihre Lampen vergaßen. Der Bräutigam wies sie ab mit der Begründung: Ich kenne euch nicht. Da erkannte ich, dass das Öl der Jungfrauen und der Strom für meine Lampe die Beziehungskultur zu Gott ist. Wer nicht in die Beziehungskultur investiert, kann kein Licht der Welt sein. Erst durch die Beziehung zu Gott können wir leuchten. Ich machte mich daran, in die Beziehung zu Gott zuerst eine Regelmäßigkeit zu bringen.

Kontaktbeschränkung und Hoffnung

Jetzt ergab sich, dass unsere Gemeinschaft im Sacré Coeur unter der Kontaktbeschränkung durch Corona leidet. Dann kam auch dieser perfide Terroranschlag hinzu, der viele so in Angst versetzte, dass sie nicht schlafen konnten. Ein Gespräch mit Gott um seinen Segen, ein Rückblick auf den Tag und eine Vorschau auf den nächsten Tag erschienen mir sinnvoll. Zoom kenne ich schon und so bot ich jetzt ein freies Abendgebet um 18:30 mit Liedern über Zoom an. Das half mir.

Wer sich Zeit nimmt, kann dabei sein. Wer ein Gebetsanliegen hat, kann mir auch schreiben. Wem Zoom zu aufwändig ist, kann zu dieser Zeit ein Abendgebet machen. Wie haben es in der Hand.

Integration braucht gemeinsame Werte

Christian Buetker schreibt in der Neuen Züricher Zeitung (NZZ) am 5.11. 2020 einen interessanten Leserkommentar.

Integration bedeutet letztendlich, gemeinsame Werte zu teilen. Unsere Gesellschaft ruht auf dem Fundament des christlichen Glaubens, – auch wenn das vielen ebensowenig bewusst ist, wie einem Fisch das Wasser bewusst ist, in dem er lebt. Integration würde dann wohl reibungslos funktionieren, wenn wir die neuen Mitbürger für die christliche Ethik begeistern könnten. Dazu müssten wir aber wohl zuerst selbst vom christlichen Glauben begeistert sein. Dass es damit nicht  mehr weit her ist, und wir auch deshalb kein überzeugendes ethisches Angebot machen können, das ist die ganze Tragik einer entchristlichten Gesellschaft. Der deutsche Verfassungsrichter und Rechtsphilosoph Böckenförde hat es auf den Punkt gebracht: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Als freiheitlicher Staat kann er nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert.“

Quelle: NZZ

Christ ist nicht, wer Mitglied der Institution Kirche ist, sondern… – katholisch.de

Christ ist nicht, wer Mitglied der Institution ist und an deren Aktivitäten teilnimmt, sondern wer glaubt und betet, wer aus der Schrift lebt, wer solidarisch ist und Schwachen hilft: Es gibt christliche Menschen, die nicht kirchlich sind, aber auch kirchentreue Menschen, die wohl eher wenig christlich sind – aber der Kirche steht gerade nicht zu, darüber zu urteilen.

Quelle: Christ ist nicht, wer Mitglied der Institution Kirche ist, sondern… – katholisch.de

Terror in Wien

Das Licht brennt für alle

Bitte hilf den Opfern des sinnlosen Terrors von Wien.

Nimm die Ermordeten in deine Herrlichkeit auf.

Gib den Ängstlichen Sicherheit und steh den Einsatzkräften bei, damit die Gefahr gebannt wird.

Mein Beileid gilt den Familien der Toten. Wir sind mit allen in ihrer Trauer, ihrem Schmerz und ihren Verletzungen verbunden.

Danke den Journalisten für die sorgfältige Information.

Newsletter von Kleine-Zeitung-Chefredakteur Hubert Patterer

Das Blut der Märtyrer ist der Same der neuen Christen

Augustinus

Anlässlich der Ermordung der betenden Christinnen und Christen in Nizza möchte ich an den römischen christlichen Schriftsteller Tertullian erinnern. Er schrieb um 200 v. Chr. in seiner großen, rhetorisch einzigartigen Verteidigungsrede des Christentums über die Sinnlosigkeit der Morde an Christinnen und Christen:

Quält, martert, verurteilt uns, reibt uns auf. … Euch nützt nicht die ausgesuchteste Grausamkeit; sie erhöht die Anziehungskraft unserer Gemeinden. Wir werden jedesmal zahlreicher, so oft wir von euch niedergemäht werden; ein Same ist das Blut der Christen.

Aus dem letzten Satz wurde „Der Same der Märtyrer ist der Same der neuen Christen.“

Die ermordeten Kirchenbesucher in Nizza waren
Nadine Devillers, eine 60-jährige Frau,
Vincent Loquès, der Mesner bzw. Küster der Basilika Notre Dame
und Simone Barreto Silva, eine 44-jährige Brasilianerin

Gott, nimm sie in deine Herrlichkeit auf und kröne sie mit göttlicher Liebe.
Hilf ihren Familien in ihrer Trauer, steh ihnen bei in ihrem Schmerz!

Vinzenz Loquès, 54

Text des Apologeticums von Tertullian: http://www.tertullian.org/articles/kempten_bkv/bkv24_08_apologeticum.htm#C50